GSG 9: Das ist die Anti-Terror-Einheit der Bundespolizei

17. Dezember 2015 - 13:45 Uhr

Von Rebekka Kaiser

"Deutschland steht unverändert stark im Fadenkreuz des internationalen Terrorismus", sagte Thomas de Maizière. Nur wenige Stunden zuvor war das Fußball-Freundschaftsspiel Deutschland gegen Holland abgeblasen worden. Die Begründung: Akute Anschlagsgefahr. Seine Aussage schürte tiefe Verunsicherung. Denn sie verdeutlicht, dass die Bedrohung zunehmend konkreter wird und wir auch hierzulande stets mit Terror-Attacken durch Fanatiker rechnen müssen. Doch wer schreitet eigentlich ein, wenn der Ernstfall eintritt und sich in unseren Straßen plötzlich kriegsähnliche Szenen abspielen? Bislang vereitelten Spezialkommandos der Bundespolizei mehrere Anschläge. Mit den Selbstmordattentaten erfährt Europa nun aber eine neue Dimension des Terrors. Die Eliteeinheit GSG 9 ("Grenzschutzgruppe 9") soll bei solch apokalyptischen Szenarien durchgreifen und unsere Sicherheit wiederherstellen. Doch wer sind überhaupt diese vermummten Elite-Polizisten, die sich stets im Hintergrund halten und so unauffällig für unsere Sicherheit sorgen?

Eliteeinheit GSG 9
Die Eliteeinheit GSG 9 bei einem Trainingsszenario am Hauptbahnhof in Frankfurt am Main im Mai 2015.
© picture alliance / dpa, Boris Roessler

Die Spezialistentruppe GSG 9 rückt immer an, wenn eine Situation als brandgefährlich gilt. So sicherte das Kommando Mitte November auch das Stadion in Hannover, als sich die Hinweise verdichteten, dass dort ein Sprengstoffanschlag beim Deutschlandspiel stattfinden sollte. Und erst einen Monat zuvor, im Oktober, stürmte die schwer bewaffnete Spezialeinheit zwei Wohnungen in Leipzig, in denen sich mutmaßliche Terroristen aufhielten. Doch kann die GSG 9 auch eine extreme Gefahrensituation wie in der Pariser Konzerthalle 'Bataclan' bezwingen? "Absolut - das ist der klassische Aufgabenbereich der GSG 9", erklärt Jörg Radek im Gespräch mit RTL NEXT. Als stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP) weiß er die Fähigkeiten des Spezialkommandos genauestens einzuschätzen.

Die GSG 9 ist eine Anti-Terror-Einheit der Bundespolizei, um die sich viele Mythen ranken. Allein die Entstehung des berühmt-berüchtigten Kommandos liest sich wie ein Krimi: Als bei den Olympischen Spielen 1972 in München ein palästinensischer Terrortrupp die israelische Mannschaft überfiel, erlebte die GSG 9 ihre Geburtsstunde. Schließlich endete die Geiselnahme in einem solch blutigen Massaker, dass sich der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher entschied, eine Spezialeinheit zu formen, die derart extreme Gefahrensituationen bewältigen kann. Die Geburt der Elite-Einheit fand damals auf dem Sterbebett statt, aber in den folgenden Jahrzehnten sollte sie sich als höchst effizient und damit lebensrettend erweisen.

Nach dem Vorbild der israelischen Spezial-Einheit 'Sayeret Matkal' schuf Ulrich Wegener, damals Oberstleutnant im Bundesgrenzschutz, die GSG 9. Schon bald behauptete sich das hochausgebildete Kommando in bedrohlichen Grenzsituationen. Unvergessen ist, wie die GSG 9 im Jahre 1977 86 Geiseln aus den Händen ihrer palästinensischen Entführer befreite, die eine Lufthansa-Maschine gekapert hatten. Ein spektakulärer Einsatz, der bei der Legendenbildung den Grundstein legte. Inzwischen hat die Elite-Einheit über 1.700 höchst gefährliche Einsätze gemeistert.

Das Spezialkommando GSG 9 greift nur bei massiv bedrohlichen Lagen ein. Darunter fallen Terrorangriffe und Geiselnahmen. Aber auch bei der Bekämpfung von organisierten Verbrecherbanden wie den Hell's Angels oder bei der Überwältigung eines psychopathischen Einzeltäters kommt die GSG 9 zum Zug. "Die Einheit bekämpft Gegner, die über eine unglaubliche Flexibilität und enorme kriminelle Energie verfügen", so Radek. Doch die Männer von der GSG 9 leisten auch Personenschutz für hochrangige Politiker oder schützen diplomatische Einrichtungen in ausländischen Krisengebieten wie dem Irak. Zu ihrem persönlichen Schutz müssen die Männer der GSG 9 ihre Mitgliedschaft geheim halten. Schließlich besteht das Risiko eines Racheakts. Auch gibt die Bundespolizei nicht die genaue Anzahl der Bediensteten der Eliteeinheit bekannt, sie wird aber auf zwischen 270 und 450 Mann stark geschätzt. Die Öffentlichkeit meidet die GSG 9 stark, weil nichts über ihre Einsatz-Taktiken nach außen dringen soll.

Neue Eliteeinheit soll GSG 9 unterstützen

GSG 9-Polizisten am Stadion in Hannover.
Auch die Polizisten der Eliteeinheit GSG 9 sicherten das Stadion in Hannover wegen Anschlagsgefahr.
© picture alliance / dpa, Julian Stratenschulte

Eine knüppelharte Ausbildung befähigt die Mitglieder der Spezialeinheit, Grenzsituationen zu bewältigen, die das Normalmaß im Alltag übersteigen. Dafür muss ein GSG 9-Polizist nicht nur körperlich, sondern auch seelisch in Hochform sein. Den menschlichen Instinkt, sich bei einem feindlichen Angriff sofort zurückzuziehen und in Deckung zu gehen, sollen sie beim Training lernen, auszuschalten. Schließlich kann eine akute Gefahr nur gestoppt werden, wenn die GSG 9-Polizisten ohne zu zögern handeln und damit den Gegner überraschen. Für mögliche Terror-Attacken in Deutschland fühlt sich das Spezialkommando gewappnet, das stellt Radek unumwunden klar. Der Ablauf der Terroranschläge in Paris wurde ihm zufolge haarklein analysiert, um auf den Typus des Selbstmordattentäters eingestellt zu sein. Schließlich ist dieser ein besonders unberechenbarer Gegner, weil er mit "dem eigenen Leben abgeschlossen hat" und daher vor nichts zurückscheut.

Doch die IS-Terrormiliz plant ihre Anschläge mittlerweile so, dass Selbstmordattentäter an verschiedenen Orten zur etwa gleichen Zeit ein blutiges Inferno anzetteln. Mit diesem taktischen Manöver stellen die Fanatiker die Polizei vor eine enorme Herausforderung. Kann die GSG 9, die ihren Sitz in Sankt Augustin bei Bonn hat, in solchen Fällen überhaupt schnell genug vor Ort sein und die Gefahrensituation beenden, bevor Menschen sterben? Die Bundespolizei steht damit vor einem Problem - schließlich mangelt es den Bereitschaftspolizisten am Training, der Erfahrung und der Ausrüstung, um mit hochbewaffneten Terroristen wie in Paris fertig zu werden.

Diesem Problem will die Bundespolizei mit der Schaffung einer neuen Spezialeinheit begegnen, die die Leerstelle zwischen Bereitschaftspolizei und Eliteeinheit GSG 9 füllen kann. Das Kommando soll sich aus den Beweis- und Festnahmehundertschaften der Bereitschaftspolizei zusammensetzen, die ein stärkeres Training durchlaufen haben. "Diese Einheiten sind schon alleine von ihrem taktischen Auftrag dafür geeignet, dass man die schon vorhandene Ausbildung noch intensiviert. Das abgesprochene Vorgehen gegen solch einen Täter wird trainiert. Das, was der Polizist eigentlich schon gelernt hat, muss noch viel mehr in Fleisch und Blut übergehen", sagt Radek. Doch auch die "Ausstattung und Ausrüstung dieser Kollegen soll anders sein als die des normalen Bereitschaftspolizisten. Durch Schutzwesten sollen die Kollegen gegen Kriegswaffen und Sprengwaffen geschützt sein."

Der neue Typus des Polizisten soll ähnlich wie der GSG 9-Kämpfer lernen, sich in Gefahrenmomenten nicht zu erschrecken, sondern zuallererst zu handeln. "Wirkung vor Deckung", lautet die Philosophie nach Radek. Die Polizisten der neuen Spezialeinheiten können als erstes am Gefahrenort eintreffen und die Attentäter "unter Feuer nehmen". Doch auch die SEKs, die Sondereinheiten der Bundesländer, können bei einer Terrorattacke zur Unterstützung einberufen werden. Für die Erstürmung und Festnahme soll jedoch immer noch die GSG 9 zuständig sein.

Niemand weiß, ob und wann genau sich in Zukunft ein Angriff durch Dschihadisten in Deutschland ereignen wird. Fest steht aber, dass die Bundespolizei für Tag X gerüstet sein will.

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