17. Juni 2018 - 17:27 Uhr

WM: Flagge zeigen oder besser nicht?

Die Fußballweltmeisterschaft 2018 hat begonnen und endlich ist es soweit: Auch Deutschland bestreitet das erste Gruppenspiel. Viele Deutsche zeigen zu diesem Anlass wieder ordentlich Flagge. Doch wenn es nach Grünen-Politikerin Claudia Roth geht, täte den deutschen Fans ein wenig Zurückhaltung gut. Im "Tagesspiegel" warnte die Vizepräsidentin des Bundestages vor "nationaler Selbstbeweihräucherung".

"Feiern ja, Nationalismus nein"

Wo hört sportlicher Stolz auf und wo fängt Nationalismus an? Da die Grenzen manchmal verschwimmen, empfiehlt Grünen-Politikerin Roth den deutschen Fans in einem Interview mit dem "Tagesspiegel" ein gemäßigtes Auftreten bei der WM. "Natürlich darf man sich freuen, wenn die deutsche Mannschaft gut spielt und gewinnt. Und ich will auch niemandem verbieten, ein Fähnchen aufzuhängen. Ich finde aber, dass es uns Deutschen gut zu Gesicht steht, wenn wir Zurückhaltung walten lassen mit der nationalen Selbstbeweihräucherung", sagte sie dem Blatt.

Für Roth ist die Nationalelf ein "Spiegelbild unserer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft". Dennoch ist sie der Meinung, dass den Fans ein wenig Mäßigung bei der WM gut tun würde. Natürlich dürfe man sich aber freuen, wenn die Nationalmannschaft gut spielt: "Feiern ja, Nationalismus nein."

"Jubeln mit Putin – das geht gar nicht"

Besonders kritisch sieht sie den Versuch der AfD, die WM-Begeisterung für ihre Zwecke zu missbrauchen. Die Partei wollte die deutsche Fahne instrumentalisieren, "um Ausgrenzung gegenüber Menschen zu signalisieren, die in ihren Augen nicht dazugehören. Das lässt sich nicht einfach so ausblenden, das sollten wir im Blick haben." Sie selbst schmücke ihren Balkon mit "einer schönen Regenbogenfahne", sei dennoch aber ein großer Fan des deutschen Fußballs.

Die Spieler der Nationalelf sollten – wie alle anderen Deutschen auch – für die Werte der Bundesrepublik einstehen. Dennoch könne man auch ein guter Nationalspieler sein, ohne die Nationalhymne zu singen. Sie selbst fahre nicht zur WM, um nicht Teil der Inszenierung des russischen Präsidenten Putin zu werden. Deutsche Politiker, die sich dazu entscheiden zur WM zu fahren, sollten sich auch mit den dortigen Problemen wie Menschenrechtsverletzungen auseinandersetzen und sich mit Oppositionellen treffen. Aber auf der Bühne zusammen mit Putin jubeln? "Das geht gar nicht", findet Roth.

Roth: Debatte um Erdogan-Foto ist überzogen

 Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei, mit den  Premier League  Fußballspielern Ilkay Gündogan (l.),  Mesut Özil
Umstrittenes Foto: Ilkay Gündogan (l.) und Mesut Özil ließen sich mit dem türkischen präsidenten Erdogan ablichten
© dpa, Uncredited, BO nic

Angesprochen auf die Kontroverse um das Erdogan-Foto von Mesut Özil und Ilkay Gündogan sprach Roth von "tief verwurzelten antitürkischen Ressentiments", die in der hitzigen Debatte zum Vorschein kämen. Sie selbst ist der Meinung, dass es falsch von den beiden Fußballern war, sich für den Wahlkampf des Autokraten einspannen zu lassen. "Aber jetzt muss auch mal genug sein. Die Kritik an den beiden hat inzwischen jedes Maß verloren", sagte sie.