Große Anspannung nach Angriff auf ukrainischen Militärstützpunkt in Mariupol

25. April 2014 - 10:55 Uhr

"Sie haben uns mit Molotow-Cocktails angegriffen"

Eskalation in der Ost-Ukraine: Pro-russische Kräfte und ukrainische Militärs lieferten sich in Mariupol einen blutigen Schlagabtausch. Bei dem Zwischenfall auf einem Militärstützpunkt kamen laut Kiew drei Menschen ums Leben, weitere 13 wurden verletzt. "Sie haben uns mit Molotow-Cocktails angegriffen. Wir haben Schusswaffen eingesetzt", sagte ein Vize-Kommandeur der ukrainischen Truppen RTL-Reporter Dirk Emmerich.

Mariupol, Ukraine, Putin
Bei dem Angriff auf den ukrainischen Militärstützpunkt in Mariupol kamen drei Menschen ums Leben.

"Anspannung und Nervosität rund um die Kaserne in Mariupol sind groß", berichtet Emmerich via Kurznachrichtendienst Twitter. Vermummte Kämpfer forderten den RTL-Reporter und sein Team auf, sofort die Kamera auszuschalten. Nach Angaben des ukrainischen Innenministers Arsen Awakow wehrte die Nationalgarde gemeinsam mit Spezialeinheiten und Hubschraubern die Attacke der etwa 300 Angreifer ab.

Schusswechsel wurden auch aus Slawjansk und Kramatorsk rund 80 Kilometer nördlich der ukrainischen Gebietshauptstadt Donezk gemeldet. Prorussische Kräfte gaben an, sie hätten in Slawjansk 17 Mitglieder der Regierungstruppen nach Schüssen auf friedliche Bürger festgenommen. In Kramatorsk seien mehrere Menschen verletzt worden, als die Nationalgarde auf Demonstranten gefeuert habe, sagte ein Sprecher der moskautreuen "Selbstverteidiger" der Agentur Interfax.

Im Gebiet Donezk im Osten des Landes zogen sich Regierungstruppen mit 15 Panzerfahrzeugen zurück, nachdem sie von prorussischen Bewaffneten und Anwohnern blockiert worden waren. Die Einheit werde zurück nach Dnjepropetrowsk verlegt, teilte das Verteidigungsministerium in Kiew mit. Sie sollte eigentlich mit einem 'Anti-Terror-Einsatz' gegen Separatisten vorgehen, die in mehreren Städten des Gebiets Donezk staatliche Gebäude besetzt halten.

"Es gibt keinerlei russische Einheiten in der Ukraine"

Russlands Präsident Wladimir Putin kritisierte die Entsendung von ukrainischen Truppen in den Osten des Landes als ein schweres Verbrechen. Stattdessen hätte die Regierung den Dialog mit der russisch-sprachigen Bevölkerung dort suchen müssen, sagte Putin in einem Fernsehinterview.

Die Führung in Kiew stürze das ganze Land in den Abgrund. Zugleich wies er den Vorwurf zurück, russische Soldaten seien im Osten der Ukraine zugange. Dies sei Unsinn. "Es gibt keinerlei russische Einheiten in der Ukraine - keine Spezialkräfte und keine Ausbilder", sagte der Kreml-Chef. Allerdings habe Russland das Recht, Militär in der Ostukraine einzusetzen. Er hoffe, von diesem Recht keinen Gebrauch machen zu müssen und dass die Krise mit politischen und diplomatischen Mitteln beigelegt werde.

Zudem hat Putin die nahezu bankrotte Ukraine ultimativ zur Zahlung ihrer Gasschulden in Milliardenhöhe aufgefordert. Das Nachbarland habe noch einen Monat Zeit - danach verlange Russland Vorkasse. Zugleich warnte der russische Präsident, dies könne die Gaslieferungen nach Europa beeinträchtigen.

Putin unterstrich die Bedeutung des Krisentreffens in Genf. "Der Beginn der Gespräche heute ist sehr wichtig, weil es wichtig ist, dass wir zusammen über einen Ausweg aus der Situation nachdenken", sagte der Präsident.

Für eine Überraschung im TV-Interview sorgte eine Telefonschalte zu Edward Snowden. Dieser wollte von Putin wissen, ob Russland wie die USA Informationen über Bürger sammle. Putin stritt das ab, betonte aber, dass es Ausnahmen gebe, wenn es sich um einen Terror-Verdacht handele.

In Genf sitzen zurzeit Chefdiplomaten der USA, Russlands, der Ukraine sowie der EU zusammen, um über eine politische Lösung der Ukraine-Krise zu beraten. Für den Außenminister der von Moskau bislang nicht anerkannten ukrainischen Übergangsregierung, Andrej Deschtschiza, und dessen russischen Amtskollegen, Sergej Lawrow, ist das Genfer Treffen die zweite Gelegenheit zu direkten Gesprächen am Verhandlungstisch.

An der Vierer-Runde nehmen auch US-Außenminister John Kerry und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton teil. Mit Blick auf die Genfer Verhandlungen rief Russlands Präsident Wladimir Putin die Führung in Kiew zum "echten Dialog" mit der ethnisch russischen Bevölkerung der Ukraine auf. Zugleich wies er erneut Vorwürfe zurück, wonach russisches Militär die Angriffe von Separatisten in der Ostukraine steuere.

Die ukrainische Delegation will in Genf nach Angaben von Diplomaten Vorschläge für eine stärkere Berücksichtigung der Wünsche ethnischer Russen im Osten des Landes machen. Zugleich hieß es, man könne jederzeit Beweise für eine militärische Verstrickung Moskaus in der Ostukraine vorlegen.