"Größer als die Angst war die Wut": Das passiert, wenn man in der Türkei offen Widerstand gegen Erdogan leistet

27. Februar 2017 - 13:39 Uhr

Fast 2.000 Anzeigen wegen Präsidentenbeleidigung

Der 16. April soll in der Türkei ein Triumph für Präsident Erdogan werden. An diesem Tag wird vom Volk darüber abgestimmt, ob ein Präsidialsystem eingeführt wird, so wie es die Regierungspartei AKP will. Das Referendum könnte Erdogans Macht noch fester zementieren. Laut Befürwortern sei der Zustand nach der Verfassungsändernung vergleichbar mit dem System in Frankreich oder den USA. Kritiker dagegen befürchten eine Diktatur. RTL-Korrespondentin Kavita Sharma zeigt, was passieren kann, wenn man in der Türkei in diesen Tagen klar Position bezieht.

Gözde Tenikeci will nicht einfach zusehen. Die Aktivistin ist davon überzeugt, dass es brandgefährlich für die türkische Demokratie ist, wenn Erdogan noch mehr Macht bekommt. Im Istanbuler Bezirk Kadiköy verteilte sie Flugblätter gegen die Verfassungsreform. Doch ihr Protest dauerte nicht lange. Mit einem Großaufgebot beendete die Polizei die Aktion, Gözde wurde festgenommen. "Ich hatte Angst dass die Situation noch mehr eskalieren könnte, ich machte mir Sorgen um meine Freunde, aber grösser als die Angst war die Wut", so Gözde.

"Erdogan ist ein Diktator", soll sie gerufen haben. Das sieht der Präsident gar nicht gerne. Die Folge: Gözde bekam Klage wegen Präsidentenbeleigung an den Hals, wie sie inzwischen auch schon fast 2.000 weitere Kritiker erhalten haben.

"Alle können völlig frei ihre Meinung ausdrücken"

Das ist für AKP-Mitglied Harun Armagan kein Grund, von einer Benachteiligung oder gar Einschüchterung der Anhänger des Nein-Lagers zu sprechen. "Alle können völlig frei ihre Meinung ausdrücken. Ich sehe Organisationen und Parteien, die ihre Kampagnen auf der Strasse abhalten und ich sehe nicht, dass die irgendwie behindert werden."

Die aktuellen Umfragen sehen die Unterstützer für Erdogans Präsidialsystem knapp vorn. Doch viele Türken haben sich noch nicht entschieden. Deshalb wird Gözde trotz drohender Haftstrafe weiterkämpfen.