Griechische Verzweiflung: "Wir verbluten langsam"

Der Euro sendet ein S.O.S. hinaus in die Welt: "Wer den Griechen den Stecker zieht, provoziert den totalen Zusammenbruch", so ein US-Ökonom.
© dpa, Boris Roessler

14. Juni 2012 - 9:50 Uhr

Hilfreiche Maßnahmen oder "Voodoo-Ökonomie"?

Die Erleichterung über Spaniens Hilferuf an Brüssel, bei der Sanierung ihrer maroden Banken mit bis zu 100 Milliarden Euro zu helfen, währte nicht lange. Die anfänglichen Gewinne an den internationalen Finanzmärkten entpuppten sich als Strohfeuer.

Dabei hatte sich die Eurogruppe am Wochenende bewusst für eine hohe Summe an Hilfen entschieden, erklärte EU-Währungskommissar Olli Rehn. Damit sei man für das allerschlimmste Szenario und den größten Stress im Bankensektor gewappnet. Allerdings werde der Regierung in Madrid zur Auflage gemacht den Bankensektor umzubauen.

Die Anleger indes blieben skeptisch, ob die Hilfen ausreichen, um die Schuldenkrise insgesamt in den Griff zu bekommen. Auch in China fiel die Reaktion eher verhalten aus: "Wir hoffen, dass diese Maßnahmen hilfreich sein werden, die Krise einzudämmen", sagte Vize-Finanzminister Zhu Guangyao. Der amerikanische Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz kritisierte das Vorgehen als "Voodoo-Ökonomie". "Die spanische Regierung rettet die spanischen Banken, und die spanischen Banken retten die spanische Regierung", sagte der Forscher.

Ob das Geld für Spanien aus dem provisorischen Rettungsschirm EFSF oder dem Nachfolgefond ESM kommen wird, ist noch offen. Kreditnehmer wäre aber in jedem Fall das Land Spanien und nicht die Banken selber.

Nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF) gelten 30 Prozent der spanischen Banken, vor allem mittelgroße Geldhäuser, als problematisch. Sie haben großzügig Baukredite vergeben, die sich nun als faul erweisen. Allein für das Kreditinstitut Bankia schätzt man den Finanzbedarf auf 19 Milliarden Euro. Für alle maroden Banken gehen Investoren von mindestens 37 Milliarden Euro aus, vielleicht aber auch das Doppelte.

Geldhäuser wie Santander, BBVA und Caixabank hingegen halten sich in der Krise bisher relativ gut. Sie erlitten zwar Gewinneinbußen, konnten ihre Rücklagen aber aus eigenen Mitteln finanzieren.

"Gemeinsam schwimmen oder gemeinsam untergehen"

Kaum sind die Effekte der Hilfe für Spanien verflogen, rücken die anderen Sorgenkinder Italien und Griechenland wieder in den Focus. Italien muss immer mehr Zinsen für den Schuldendienst zahlen und Griechenland ruft nach besseren Bedingungen für die eigenen Milliardenhilfen. Diese sind allerdings von der EU-Kommission bereits abgelehnt worden. "Unsere Position ist unverändert: Wir erwarten, dass die Griechen alle eingegangenen Verpflichtungen erfüllen", sagte ein Sprecher der EU-Kommission. So blickt ganz Euroland gespannt auf den Ausgang der Wahlen nächstes Wochenende.

Was wird geschehen, wenn die Griechen keine mehrheitsfähige Regierung wählen, die gewillt ist, die vereinbarten Sparauflagen einzuhalten und damit gegen den Euro stimmt und wie wird die Euro-Zone darauf reagieren? Der bekannte US-Ökonom Nouriel Roubini warnte bereits in einem Interview mit der 'Bild-Zeitung' vor den Folgen, sollte Europa die Finanzhilfen einstellen. "Wer den Griechen den Stecker zieht, provoziert den totalen Zusammenbruch der Euro-Zone." Würde Griechenland kollabieren, würden viele Anleger in Panik geraten und ein Run auf die Banken in Portugal, Spanien und Italien wäre die Folge.

Roubini, der als 'Dr. Doom' ("Dr. Untergang") bekannt wurde, weil er den Einbruch des US-Immobilienmarktes im Vorfeld der weltweiten Finanzkrise vorausgesagt hatte, sagte man müsse Griechenland entweder in der Euro-Zone halten oder finanzielle Unterstützung für einen geregelten Ausstieg geben. "Beides ist für Deutschlands Steuerzahler billiger, als die Euro-Zone kaputtgehen zu lassen." Als Exportnation brauche Deutschland den Euro und die europäischen Länder als Handelspartner. "Deshalb gilt: gemeinsam schwimmen oder gemeinsam untergehen."

Die Griechen selber scheinen wenig Hoffnung mit den kommenden Wahlen zu verbinden. Wie ein Banker einer griechischen Privatbank sagte, flößen seit Anfang Juni täglich zwischen 100 bis 500 Millionen Euro aus den Banken ab. Hält die Kapitalflucht in dem Tempo an, könnte die Summe im Juni deutlich über den 5 Milliarden Euro liegen, die Griechen ins Ausland geschickt oder in Safes deponiert haben.

"Wir verbluten langsam. Wir brauchen dringend eine handlungsfähige Regierung." Nach offiziellen Angaben sind seit 2009 rund 80 Milliarden Euro aus den Banken abgezogen worden.

Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, sagte in einem CNN-Interview, es blieben nicht einmal drei Monate, um die Eurokrise zu lösen. Lagarde bezog sich damit auf eine Aussage des Investors und Milliardärs George Soros, der zuvor den Euro-Politikern noch drei Monate Zeit vorhergesagt hatte. Als Soros diese Aussage gerade getätigt hatte, hatte Lagarde allerdings noch gesagt: "Ich bin kein großer Fan von diesen Zielen, die ohnehin verfehlt werden".