Griechenland und Deutschland: Deutsche Zurückhaltung ist angesagt

Nicht nur Schäuble rätselt, wie es weitergehen soll.
Nicht nur Schäuble rätselt, wie es weitergehen soll.
© dpa, Julien Warnand

24. März 2015 - 8:02 Uhr

Ein Kommentar von Tobias Elsaesser

Das Spiel wird allmählich langweilig und nervtötend, selbst für mich – als ausgewiesenen Griechenlandversteher. Seit fünf Jahren sind die Griechen in sehr hoher Not und zwischenzeitlich – so wie im Moment – in allerhöchster. Und dann kommt mit ähnlicher Regelmäßigkeit die Forderung nach Reparationszahlungen für die Verbrechen der Nazis in und an Griechenland und nach einer Entschädigung für Zwangskredite an das NS-Regime. Nach 70 Jahren – hätte man früher drauf kommen können. Dazu kommt die Drohung deutsche Liegenschaften zu beschlagnahmen, wie das Goethe-Institut oder das Deutsche Archäologische Institut in Athen, sollte Deutschland nicht zahlen. Das sind Forderungen und Drohungen, die nicht gerade subtil daherkommen und es wahrscheinlich auch gar nicht sollen. Möglicherweise wollen die Griechen ja auch gar keine Reparationszahlungen von den Deutschen, sondern ihnen nur etwas ins Bewusst sein rufen.

Die Geschichte eventueller Reparationen ist lang, und die Frage nach deren aktueller Rechtmäßigkeit ist mit 'extrem kompliziert' beinahe untertrieben beschrieben. Viele Experten lassen sich dazu zurzeit aus, ein konkretes Ergebnis ist bisher nicht gefunden. Doch es gibt einige Fakten, man muss teilweise ein wenig zurückgehen, aber es gibt sie: das Abkommen über deutsche Auslandsschulden von London 1953 zum Beispiel. Da wurde der jungen Bundesrepublik ein großer Berg Schulden erlassen und Reparationen zurückgestellt. Danach begann das Wirtschaftswunder. Wäre es auch ohne den Schuldenerlass gekommen?

Die abschließende Klärung eventueller Reparationsforderungen an Deutschland wurde aber aufgeschoben – bis zu einem endgültigen Friedensvertrag, den es nicht gibt, weil es nur einen "Zwei-plus-vier-Vertrag" gibt – zwischen der BRD, der DDR, der UdSSR, den USA, Frankreich und Großbritannien. Diese sechs haben bei der Gelegenheit auch gleich geregelt, dass die Frage nach Reparationen möglichst erledigt sein soll.

Das sollte man vielleicht nach 70 Jahren auch. Viele Deutschen wollen auch nicht dauernd an ihre unschöne Vergangenheit erinnert werden – in den Beginn des ersten Weltkrieges maßgeblich verwickelt, den zweiten direkt begonnen, sechs Millionen Juden ermordet, aber dank des aufkommenden kalten Krieges schnell rehabilitiert.

Fünf Jahre und kein Ende

Seit fast fünf Jahren spielt sich das Griechische Schuldendrama auf großer Bühne ab, seit fünf Jahren hat sich nicht wirklich etwas verbessert. Das ist eine Zeitspanne, wo man schon mal überlegen kann, ob der eingeschlagene, von deutschem Sparwahn geprägte Weg der richtige ist.

Die Forderung der Griechen nach Reparationen ist absurd. Aber: Genauso absurd ist der Glaube, dass wir Deutschen unseren Wohlstand mit eigenen Händen erarbeitet haben. Deutschland hat viel bekommen und Deutschland wurde viel erlassen, ohne die Hilfe anderer wären wir nicht da, wo wir sind.

Da wäre ein bisschen Demut und Bescheidenheit durchaus angebracht, denn das sind Dinge, die wahre Größe verleihen - nicht das Pochen auf Prinzipien oder absurde Forderungen. Deutschland sollte sich in Zurückhaltung üben. Um das zu erkennen, muss man gar nicht so weit zurückblicken wie sonst, nach 1914 oder 1945, diesmal reicht 1953.



Tobias Elsaesser wurde in Hildesheim geboren und studierte Anglistik und Latein an der Universität zu Köln. Allerdings eher im "Nebenfach" – denn er arbeitete schon während des Studiums bei RTL, was das Studium ins Hintertreffen brachte. Dort wechselte er nach einigen Fernsehjahren in die Online-Redaktion. Den Ärger über aktuelle Themen die ihn (zu sehr) bewegen, versucht er auf dem Rennrad oder mit der Musik von Bruce Springsteen hinter sich zu lassen.