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Griechenland näher am Abgrund denn je?

Griechenland näher am Abgrund denn je?

Ein Kommentar von RTL-Reporter Alexander Oetker

Als Tsipras die Wahl in Griechenland gewann, war RTL-Reporter Alexander Oetker noch zuversichtlich. Nun zeigt sich, dass die Linken die gleiche Hängepartie veranstalten wie ihre Vorgänger: Nichts als Vorschläge, Hinhalten und Tricks. Ein Kommentar.

RTL-Reporter Alexander Oetker kennt sich mit Griechenland aus.
RTL-Reporter Alexander Oetker ist enttäuscht von der griechischen Regierung.

Ich habe wirklich versucht, mich zu freuen. Optimistisch zu sein. Mehrere Wochen lang. Doch ich gebe zu: Vielleicht war die Freude verfrüht. Damals im Januar, als Syriza in Griechenland stärkste Kraft wurde, war ich froh und zuversichtlich. Nach dem Desaster, das die traditionellen Parteien in Athen über das Land gebracht hatten, nach Korruption und Klüngel, konnten es nun Tsipras und Co. versuchen. Eine neue Kraft, die endlich dem dauernden Sparzwang etwas entgegenzusetzen hätte. Denn dass nur Sparen weder der griechischen noch der spanischen oder portugiesischen Wirtschaft gut getan hat, bezweifeln ja auch die meisten Wirtschaftsexperten. Und ich war dafür, der neuen Regierung Zeit zu geben, damit sie einen echten Kassensturz machen kann - und Reformen, die dem Volk etwas bringen und nicht den Banken und Oligarchen.

Nun aber war es wieder eine lange Sitzung der Eurofinanzminister in Brüssel. Und die Gespräche, die wir hier auf den Gängen mit Pressesprechern, EU-Diplomaten und den Kollegen führen, zeigen alle in eine Richtung: Das wird mindestens richtig eng für die Griechen. Es gibt aber auch viele, die schon jetzt einer anderen Meinung anhängen: Das wird nix mehr. Gut möglich, dass der Staatsbankrott bevorsteht, weil EU, EZB und IWF den Geldhahn zudrehen. Euro-Aus inklusive.

Denn es ist wirklich eine Chaostruppe, diese Regierung Tsipras. Da freut man sich über die Verlängerung eines Hilfsabkommens und Tage später sagt Finanzminister Varoufakis plötzlich, dass man ja sowieso die meisten Auflagen nicht erfüllen könnte. Dann passiert zwei Wochen nichts. Keine Reformvorschläge, nichts. Bis vor wenigen Tagen ein Brief von ebendiesem Varoufakis in Brüssel eintrifft. Darin freundliche Worte und der Vorschlag für sechs Reformen. Kleinteilig. Hausfrauen etwa sollen Steuersünder jagen. Die dicken Bretter - Rentenreform, Arbeitsmarktreform - bleiben ungebohrt. Sie werden schlicht nicht mal erwähnt.

"Gleiche Hängepartie wie Vorgängerregierung"

Und dann die Troika: die darf ja auf Wunsch der Griechen nicht mehr so heißen. Sondern: die Institutionen. Varoufakis hat mehr Wünsche: Verhandlungen will er eigentlich nur in Brüssel - und wenn schon in Athen, dann nur mit jeweils einem Vertreter von EZB, Internationalem Währungsfond und EU. Da sagt der deutsche Finanzminister ganz klar: Nein. Über die Umbenennung könne man reden, doch die Überprüfung finde in Athen und Brüssel statt und zwar mit allen Vertretern gleichzeitig, das habe Varoufakis schließlich unterschrieben.

Es wirkt fast wie ein Hütchenspiel: Jedes Mal ein neuer Vorschlag, ein neues Hinhalten, neue Tricks. Der Ball liegt immer woanders als die EU denkt. Und gewinnen kann die auch nicht. Schäuble mahnte am Nachmittag, das Ganze sei zu wichtig für Deutschland und Europa. Alle Möglichkeiten außerhalb einer Lösung seien schlechte Möglichkeiten. Auch in Griechenland sollten sie das jetzt einsehen. Und wenn sie im Euro bleiben wollen, danach handeln.

Das zumindest behaupten sie immer wieder. Oder sie sagen ganz offen: Wir versuchen unser Land außerhalb der Euro-Zone wieder aufzubauen. Es wäre ein mutiger Schritt - und ein ehrlicher Schritt, um die Syriza-Wahlversprechen nicht ad absurdum zu führen. Denn so wie es jetzt ist, vollführen Tsipras, Varoufakis und Co die gleiche Hängepartie, für die Sie die Vorgängerregierungen immer kritisiert haben. Nur steht das Land diesmal noch näher am Abgrund.