Griechenland-Krise: Wer trennt die sturen Streithähne Schäuble und Varoufakis?

24. März 2015 - 8:02 Uhr

Ein Kommentar von Oliver Scheel

Die Lösung der Schulden- und Wirtschaftskrise Griechenlands ist scheinbar zu einem Zweikampf zwischen dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble und seinem griechischen Pendant Gianis Varoufakis geworden. Zwei Sturköpfe, die derzeit aufeinander losgehen wie zwei brünftige Steinböcke. Zwei Politiker, die mehr oder weniger täglich – bleiben wir im Steinbock-Bild – mit voller Wucht mit den Köpfen aneinander rasseln um zu demonstrieren, wer hier der Stärkere ist.

Griechenland, Euro
Schäuble vs. Varoufakis: Mehr Sachlichkeit tut Not.
© dpa, Michael Kappeler

Hier muss die Frage erlaubt sein: Ist das zielführend, kann so eine der größten Krisen, die zu einer echten Vertrauenskrise hinsichtlich der Zukunft der Europäischen Union bei weiten Teilen der Bürger geführt hat, wirklich gelöst werden? Und: Wo ist eigentlich der Rest Europas? Wo ist Merkel, wo Juncker, wo die Franzosen, wo Rom und Madrid?

Zwei Männer, zwei Positionen, aber auch zwei Rollen. Der eine, Schäuble nämlich, steht für den Euro, den deutschen Steuerzahler, die europäischen Institutionen, die Banken, eben für den Weg, den das neoliberale Projekt EU in den vergangenen 25 Jahren eingeschlagen hat. Der andere, Varoufakis, steht für das Neue, das Radikale, die Griechen, die es satt haben, der Sündenbock Europas zu sein. Der eine ist seit 1972 Mitglied des Bundestages und damit einer der dienstältesten Politiker Deutschlands, der andere ist ein Newcomer, der sich um das Establishment nicht schert.

Es ist eigentlich ein Stoff für einen Film, dass diese beiden Antipole über die Rettung Griechenlands und eventuell sogar des Euro zu verhandeln haben. Nur: Wenn zwei Sturköpfe aufeinanderprallen, die sich sogar persönlich beleidigen, dann läuft die ganze Sache Gefahr, unsachlich zu werden. In der Politik aber ist kein Raum für emotionale Entscheidungen.

Leider wird die Debatte immer emotionaler. Deshalb ist es an der Zeit, die beiden Streithähne auseinander zu nehmen. Wie beim Boxen, wenn die Kämpfer sich verkeilt haben und der Ringrichter sie trennt und beide ermahnt. Aber wer ist hier der Ringrichter?

Unschöne Maskerade zum 'Grexit'

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel – abgetaucht. Seit ihrer Wiederwahl im September 2013 äußert sie sich nur sporadisch zur Eurokrise. So als wäre es ihr egal, der Schäuble macht das schon. Dabei könnte sie mit ihrem Einfluss, denn Merkels Wort gilt etwas in der Welt, zur Beruhigung beitragen. Sie hat sich aber dazu entschieden, in der Ukraine-Frage präsent zu sein und das Freihandelsabkommen mit den USA voranzutreiben.

Vizekanzler Sigmar Gabriel generiert sich nur als harmloser Bello, der an der kurzen Leine von Merkel und Schäuble brav nebenher läuft und ab und zu mal kläfft. Gabriel scheint völlig überfordert mit dem Spagat, SPD-Chef und gleichzeitig Wirtschaftsminister zu sein. In seiner jetzigen Form wird er beiden Rollen nicht gerecht.

Und sonst? Jean-Claude Juncker könnte sich in der Griechenland-Affäre profilieren, immerhin ist er Kommissionspräsident der EU und es sollte in seinem ureigenen Interesse liegen, den Euro und die Union zusammen zu halten. Juncker hat erkannt, dass er als Vermittler auftreten muss. Immerhin. Der Luxemburger könnte etwas mehr Rationalität in die Debatte bringen. Eigentlich müsste er aber vorweg gehen und beide zur Räson rufen. Für ihn ist noch Luft nach oben. EZB-Chef Mario Draghi fällt nichts anderes ein, als einfach viele neue Milliarden zu drucken und diese bei den überversorgten Banken zu bunkern.

Frankreichs Präsident Francois Hollande ist seltsam ruhig. Ihn treibt die Sorge um, dass sein Land das nächste Griechenland werden könnte. Die Wirtschaftszahlen sind beunruhigend, Frankreich aber erhielt kürzlich großzügigen Aufschub, die Wirtschaftsdaten in Ordnung zu bringen. Einen Aufschub, den man Athen nicht mehr gewähren wollte. Vielleicht hat der Präsident der 'Grande Nation' auch deshalb keine guten Karten auf der Hand. Was er auch sagen wird, Kritik ist ihm sicher. Da ist wohl derzeit vornehme französische Zurückhaltung angebracht.

Schäuble wirkt wie von der 'Bild'-Zeitung getrieben, die täglich meldet, unsere Steuergelder würden im Athener Orkus schneller verschwinden als ein Euro im Pornokino. Varoufakis mimt das Bild des starken Mannes, der den leidenden Griechen neues Selbstvertrauen einimpft. Nutzen tut dies niemanden. Griechenland braucht neue Kredite, ohne Deutschland wird es die nicht geben.

Es ist also an der Zeit, das Kindergartenspiel dieser beiden Alphatierchen zu beenden. Denn an Sachverstand mangelt es beiden nicht. Lediglich an Kompromissbereitschaft. Und es ist doch klar, dass der 'Grexit', das Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, von allen Seiten vermieden werden soll. Dass Schäuble den Rauswurf Griechenlands nun schulterzuckend hinnehmen würde, ist Maskerade. Denn dann wären die Milliarden, die schon nach Griechenland geflossen sind, tatsächlich die größte Verschwendung europäischer Steuergelder gewesen, die es bisher gab.