Graciano Rocchigiani: Ein Nachruf auf einen wahrhaft großen Boxer

03. Oktober 2018 - 10:25 Uhr

Von Martin Armbruster

Einen Nachruf auf Graciano Rocchigiani schreiben? Geht eigentlich gar nicht! Einen Nachruf auf Graciano Rocchigiani müsste man sprechen, müsste man bellen. Am besten mit Berliner Schnauze oder wenigstens etwas ähnlich direktem.

Rocchigiani war eine ehrliche Haut

Denn das war Graciano Rocchigiani: Ein Mensch, der sagte, was er dachte. Eine durch und durch ehrliche Haut. Und nebenbei: Einer der größten Boxer, den Deutschland je hatte (und haben wird). 'Rocky' ist tot. Mit nur 54 Jahren. In Sizilien von einem Auto überfahren. Dort, wo er sein großes Glück gefunden zu haben schien.

Menschen wie Rocchigiani gibt es nicht an jeder Ecke. Leute, die nicht herumlavieren. Leute, die zu ihren Niederlagen und Fehlern stehen. Ohne Wenn und Aber. Ohne Ausreden. Ohne Schuldzuweisungen. Leute, deren Weltbild nicht zusammenbricht, wenn sie zugeben, dass sie Scheiße gebaut haben. Rocchigiani war keiner dieser geschniegelten Fußball-Stars, die von Medien-Profis gecoacht werden. Kein Phrasendrescher. Keiner, der vier Sätze inklusive 16 Schachtelsätzen braucht, um doch nichts zu sagen.

"Er ist zwar ein dummer Pole, aber er hat heute besser geboxt!", feixte er im April 2000 nach seiner Niederlage gegen Erzrivale Dariusz Michalczweski. War nicht nett, aber auch nicht böse (oder gar abwertend) gemeint. Einfach nur authentisch. Austeilen und einstecken. Im Ring wie im Leben. Das konnte 'Graze'.

Rocchigiani eines der größten Box-Talente Deutschlands

Henry Maske in Bedrängnis an den Ringseilen gegen den Berliner Rocchigiani (" Rocky ")
Graciano Rocchigiani vermöbelt Henry Maske
© imago/Camera 4, imago sportfotodienst

Graciano Rocchigiani war Weltmeister. Ein Box-Star, Millionär. Einer, der alles hatte und alles wieder verlor. Er zwang einen Boxweltverband im Gerichtssaal in die Knie. Sahnte erneut ab. Verjubelte aufs Neue alles. Landete im Knast, lebte von Hartz IV. Und doch: Nie gab Rocchigiani den falschen Fuffzigern, die sich im Lichte des Erfolges um ihn geschart und abgezockt hatten, die Schuld. Nie suchte er nach Ausreden für seine Schandtaten (die es auch gab). Niedergeschlagen werden und aufstehen. Rocchigiani akzeptierte das Leben und seine harten Gesetze.

"Graciano Rocchigianis Gesicht verkörpert die Geschichte des Boxsports", hat jemand einmal gesagt. Man könnte ergänzen: In Rockys Gesicht manifestierte sich das Leben an sich. Wunden und Narben, aber auch sanfte Züge – die schönen Seiten des Seins.

Im Ring war Rocchigiani unbestritten eines der größten Talente, das Box-Deutschland je hervorgebracht hat. Zäh und hart wie es dem Sohn eines sardischen Eisenbiegers zukommt, boxte sich der Rechtsausleger aus Berlin hinter seiner stabilen Doppeldeckung auf den Weltmeister-Thron. 1988 im Supermittelgewicht. Dann noch einmal zehn Jahre später im prestigeträchtigen Halbschwergewicht. Er gewann Titel gegen richtige Gegner wie etwa den bärenstarken Amerikaner Michael Nunn. Und nicht gegen irgendwelche handverlesenen, drittklassigen Schaumschläger wie zuletzt die deutschen Box-'Weltmeister'.

Im Boxring oft beschissen

Bildnummer: 00195944  Datum: 15.04.2000  Copyright: imago/ContrastGraciano Rocchigiani (re.) trifft Dariusz Michalczewski (beide Deutschland) mit einer rechten Geraden am Kopf; quer, close, Rocky, Tiger, Universum Boxstall, Haken, Schlag, schlagen, R
Graciano Rocchigiani gibt Dariusz Michalczweski einen auf die Zwölf
© imago

Zwischendurch wurde Rocky von den Box-Mächten ordentlich beschissen. Unvergessen seine umstrittene Niederlage gegen Henry Maske 1995, als die Punktrichter Rocchigianis Fäuste im Gesicht des Box-Gentleman nicht honorierten. Das Duell "Wessi gegen Ossi" (so Rocchigiani) faszinierte ganz Deutschland. 17 Millionen Menschen sahen bei RTL zu. Oder aber Rocchigianis 'Niederlage' 1996 gegen Halbschwergewichts-Kontrahent Michalczweski. Infolge eines harmlosen Treffers von Rocchigiani nach dem Gong zur Rundenpause markierte der 'Tiger' – nach Punkten klar hinten – den sterbenden Schwan. Rocky wurde disqualifiziert, statt zum Weltmeister erklärt. Ein Skandal. "Ihr habt mich betrogen", bellte der Pechvogel Michalczweskis Promoter und die Funktionäre an. Recht hatte er!

Im Jahr 1998 erkannte ihm die Drei-Lettern-Organisation WBC den in Berlin gegen Nunn errungenen WM-Gürtel mir nichts, dir nichts wieder ab. Die schäbigen Verbands-Bosse wollten lieber den Amerikaner Roy Jones Jr. als Weltmeister haben, obwohl der den Titel niedergelegt hatte. Graze zog vor Gericht, hätte den World Boxing Council in den USA locker in den Ruin treiben können (es ging um Schadensersatz in Höhe von 31 Millionen Dollar). Rocchigiani gab sich mit 4,5 Millionen zufrieden. "Ich hätte viel mehr rausholen können, aber ich hatte keine Lust mehr, ewig weiter zu prozessieren", sagte er später. Wie dumm, werden manche seufzen. Der Mann hatte einfach zu viel Klasse für diese WBC-Köppe, halte ich entgegen. Wobei, das hätte Rocky sicher zugegeben: Er konnte ja nicht ahnen, dass er auch jene 4,5 Millionen wieder in den Sand setzen würde.

Rocchigiani ging erneut auf die Bretter. Rappelte sich abermals auf. Begann junge Boxer zu trainieren und arbeitete als Box-Experte für den Sender Sport1. Am Mikrofon begeisterte er die Fans wie früher mit seinem linken Aufwärtshaken. Mit klaren Ansagen zu lächerlichen Weltmeister-Titeln, verschobenen Kämpfen und gekauften Punkturteilen. Privat schien er in Italien sein Glück gefunden zu haben. Rocky war wieder voll im Spiel, mitten im Leben. Bis in einer dunklen Ecke Siziliens ein Auto ums Eck kam. Rocky – du wirst fehlen!