Nicht jedes Modell ist zu empfehlen

GPS-Tracking-Uhren für Kinder: Mobiler Babysitter oder Spionage-Tool?

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4. September 2019 - 9:20 Uhr

Immer mehr Eltern schwören auf Wearables für Kids

von Mireilla Zirpins

In unserer Kölner Vorort-Grundschule leuchten sie an zahlreichen Kinderarmen: kunterbunte GPS-Tracking-Uhren, auf die meine achtjährige Tochter genauso neidisch schielt wie auf die Smartphones ihrer Klassenkameraden. Doch leider hat sie strenge Eltern. Als wir sie am Wochenende verzweifelt in der ganzen Nachbarschaft suchten, weil sie ohne Bescheid zu sagen bei Freunden mit reingegangen ist, kam ich ins Nachdenken. Ob nicht doch was dran ist an den so genannten Kids-Wearables*, die für mich bislang Spionage-Tools für Helikopter-Eltern waren?

Durch eine schlechte Erfahrung zur Smartwatch gekommen

Viele Eltern überwachen ihre Kinder mit Telefon-Uhren
Smartwatches schon für die Kleinsten: Im Vorschulalter spielen die Kids oft erstmals allein draußen
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Auch Yvonne, Mutter eines Erstklässlers, sah sich nicht als potenzielle Kundschaft für eine Smartwatch, bis sie und ihr Sohn gleich am zweiten Schultag eine verstörende Erfahrung machten. Statt ihn zur OGS zu begleiten, lieferten Schulmitarbeiter den Sechsjährigen an einer Bushaltestelle ab. Der ABC-Schütze fragte sich zum richtigen Überlandbus durch und landete tatsächlich daheim – viel früher als vorgesehen und tränenüberströmt. "Wir hatten weder ein Mobiltelefon noch einen GPS-Schlüsselanhänger geplant", erklärt Yonne, "aber nach diesem Vorfall kann ich der OGS nicht mehr vertrauen". Und so schaffte sie für die Sicherheit ihres Sohnes eine Tracking-Uhr* an.

Und damit ist sie nicht allein. Eine repräsentative Befragung des Marktwächter-Teams NRW aus dem Februar 2018 belegt: Zwar überwachten zu diesem Zeitpunkt nur 8 Prozent der befragten Eltern von 3- bis 18-Jährigen ihre Kinder, aber 46 Prozent könnten es sich durchaus vorstellen.

Auch Sue, die als Sängerin viel unterwegs ist, trackt ihre achtjährige Tochter. "Mit der Uhr kann ich sie orten und sehen, ob Kim in der Schule oder beim Sport angekommen ist. Das beruhigt schon."

Das Prinzip: GPS-Tracking und eine SIM-Card mit Datenvolumen

Smartwatches sollen Eltern und Kids Sicherheit geben
Smartwatches geben vielen Eltern und Kindern Sicherheit. Manchmal ist sie trügerisch
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Das Prinzip ist bei vielen dieser Uhren für 5- bis 12-Jährige ähnlich: Die Uhr ist über eine SIM-Karte mit Datenvolumen mit dem Internet verbunden – und mit einer App auf den Telefonen der Erwachsenen. Je nach Modell können zehn oder mehr Nummern angegeben werden. "Ich bestimme über die Eltern-App, wer mit meinem Kind Kontakt haben kann", erklärt Yvonne. "Und ich sehe, wie oft und wie lange mein Sohn mit diesen Menschen über die Uhr kommuniziert hat." Mit den von den Eltern freigegebenen Kontakten kann das Kind auch von der Uhr aus telefonieren oder Sprachnachrichten austauschen – zumindest solange Guthaben auf der Karte ist.

"Ich kann auch einen Radius bestimmen", zeigt mir Sue. "Verlässt meine Tochter diesen Bereich, bekomme ich eine Meldung auf mein Mobiltelefon und ihr Vater und die Großeltern auch. Es gibt auch eine SOS-Funktion, mit dem meine Tochter diesen Alarm mit einem Knopfdruck jederzeit selbst auslösen kann, wenn sie in Not ist. Natürlich nur, wenn sie auch Netz hat. Das ist vermutlich der größte Nachteil."

Die Eltern sehen in der App, wo sich ihr Kind gerade befindet. Wir sehen auf einer fotografischen Draufsicht die Grundschule von Yvonnes Sohn, dessen GPS-Position mit einem Punkt markiert ist. "Ich finde das total gut, auch wenn es erschreckend ist, dass das geht", offenbart Yvonne, Ja, es hat schon was von Überwachung. Immerhin hat die Uhr ihres Sohnes laut Hersteller keine Abhörfunktion.

Und genau in diesem Punkt ist Vorsicht geboten. So sah sich die Bundesnetzagentur im November 2017 genötigt, gegen Kinderuhren mit Abhörfunktion vorzugehen. Uhren mit so genannter Babyphone-, One-way-conversation- oder Monitor-Funktion sind in Deutschland verboten, weil das Mikrofon in der Uhr per App aktiviert werden kann, ohne dass die Beteiligten das mitbekommen. Generell sollten Eltern immer die Hersteller-App nutzen und nicht etwa Anwendungen wie "Find my kids". Dazu können solche Fremdprogramme Kostenfallen sein.

Verbraucherschützer halten die Uhren keineswegs für so sicher

"Im Urlaub hatte gefühlt jedes zweite Kind so eine Uhr am Arm", berichtet Yvonne. Aber kann man sich als Mutter oder Vater im Urlaub damit wirklich entspannt zurücklehnen und die Kids laufen lassen, ohne sie ständig im Blick zu haben? Yvonne hat dazu eine klare Meinung: "Und dann saßen die Kids da allein am Teich."  Da hilft auch die beste Tracking-Uhr nicht. Zumal die GPS-Signale nur eine Genauigkeit von zwei bis fünf Metern haben – nach Angaben der Hersteller. Wenn sich das Kind mit mehr als 15 Stundenkilometern fortbewegt, schlagen manche Uhren ebenfalls Alarm.

Sein wir ehrlich: Eine Smartwatch allein ist kein wirklicher Schutz. Norwegische Verbraucherschützer von Forbrukerrådet wiesen nach, dass bei einigen Uhren der Standort des Kindes manipuliert werden kann. Den Eltern wird dann ein Ort angezeigt, an dem das Kind sich gar nicht befindet. Zudem beobachteten sie erhebliche Mängel beim Datenschutz.

An vielen Schulen sind Smartwatches unerwünscht

An vielen Schulen unerwünscht: Smartwatches
Lehrer stehen meist nicht so auf die bunten GPS-Uhren an den Armen ihrer Schüler
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Für manche Eltern ist aus diesen Gründen ein Smartphone eine Alternative. "Ich bin der Meinung, dass Kinder vor der fünften Klasse kein Handy haben sollen", entgegnet Sue. Der Lehrer ihrer Tochter lässt die Drittklässlerin die Uhr im Unterricht übrigens ablegen. Dafür hat sie kein Verständnis. "Es gibt doch keine Spiele auf der Uhr. Sie zeigt die Uhrzeit an und man kann damit telefonieren, mehr nicht. Und es sind nur die Nummern der vier engsten Bezugspersonen meiner Tochter gespeichert. Keiner von uns würde morgens diese Nummer anrufen – wir wissen ja alle, dass Kim in der Schule ist. Kein Fremder könnte mit ihrer Nummer etwas anfangen."

Yvonne kann die Smartwatch ihres Sohnes über die App in einen "Schulmodus" versetzen. Dann kann ihn niemand mehr anrufen, verspricht die Gebrauchsanleitung. Die Tester vom norwegischen Forbrukerrådet meinen, hier sei zumindest bei einigen Modellen Vorsicht geboten. Fremde könnten sich in einige Uhren hacken und so mit dem Kind Kontakt aufnehmen. Einige Hersteller haben ihre Smartwatches aber seit dem Test weiterentwickelt und die Abhörfunktionen entfernt.

An vielen Schulen ist das Tragen von Smartwatches im Unterricht ohnehin nicht erlaubt. Nicht nur, weil immer noch "unsichere" Uhren früherer Baujahre kursieren, mit denen Eltern Unterrichtsstunden aus der Ferne mithören könnten, was in Deutschland gesetzlich verboten ist. Auch Lehrer möchten natürlich nicht, dass die Kids durch Zusatzfunktionen abgelenkt werden.

Nicht alle Funktionen machen Sinn für Kinder von fünf bis zwölf

Je nach Alter des Kindes kommt statt einer Smartwatch auch ein Smartphone in Frage
Smartphone oder Smartwatch - auch eine Frage des Alters
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Einige Telefonuhren* zählen etwa auch die Schritte des Kindes. Dazu ist bei einigen Modellen* auch das Versenden von SMS oder Sprachnachrichten möglich. Manche haben eine Videofunktion und verfügen über ein virtuelles Haustier, das durch Aktivitäten des Kindes "gefüttert" wird und wächst.

Je mehr Spielelemente die Uhr aufweist, desto großer ist die Versuchung für die Kids, daran herumzudaddeln – ob im Unterricht oder auf dem Schulweg. Und gerade der sollte ja durch die Uhren sicherer werden…

Unsere Tipps für einen sicheren Schulweg – mit oder ohne Smartwatch für Kids:

  • Prüfen Sie vor dem Kauf gut, was für das Alter Ihres Kindes angemessen ist – Mobiltelefon oder Armbanduhr oder ob Ihr Kind alternativ den Schulweg oder die Fahrt zum Sportverein in einer Gruppe von Kindern sicher bewältigen kann
  • Datensicherheit und Verlässlichkeit sind wichtiger als eine Vielzahl von Funktionen, die Kinder zum Spielen verleiten könnten. Und eine Kalorienzähler-Funktion wie z.B. bei der Tencent QQ Watch Touch hat unseres Erachtens auf einer Kinderuhr für 5- bis 12-Jährige nichts zu suchen.
  • Funktionalität sollte immer vor Optik gehen, auch wenn manche Modelle nur in rosa und blau zu haben sind
  • Lassen Sie sich von anderen Eltern Uhr und App zeigen und fragen Sie nach deren Erfahrungen. Lesen Sie auch Userbewertungen im Internet
  • Lassen Sie auch Ihr Kind die Uhr bei Freunden testen. Wichtig ist, dass das Kind sie in einer Notlage intuitiv bedienen kann
  • Machen Sie sich auf der Webseite der Hersteller schlau und informieren Sie sich bei Verbraucherzentralen und der Bundesnetzagentur
  • Informieren Sie sich, ob die Uhr auch in Deutschland zugelassen ist. Nutzen Sie keine Uhr oder eine App, die mit folgenden Schlagworten wirbt: Babyphone, "One Way Conversation" oder "One Way Listening", Monitor-Funktion, Monitoring-System, Mithörfunktion
  • Last but not least: Üben sie mit Ihrem Kind vor allem die Wege, die es allein bewältigen soll und das Verhalten in Notsituationen. Es ist wichtig, dass Ihr Kind wachsam ist und aus dem Effeff weiß, was es in brenzligen Situationen tun und wie es auf seine Notlage aufmerksam machen kann

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