Gipfelsturm ohne Hände und Füße

5. Januar 2012 - 9:29 Uhr

"Für mich ist es keine Behinderung, sondern eine Gabe"

Kein Hindernis scheint für Kyle Maynard unüberwindbar, keine Hürde zu hoch. 5.895 Höhenmeter muss er in den kommenden 16 Tagen überwinden - hinauf zum Gipfel des höchsten Berges Afrikas.

Kyle Maynhard trainiert für die Besteigung des Kilimandscharo in Afrika.
Anfangs kletterte er mit Klebeband fixierten Handtüchtern um Arme und Beine, was auf Dauer schmerzhaft war. Eine US-Firma hat extra für Mission Kilimandscharo spezielle Protektoren aus Karbon-Fieber für seine Arme und Beine entwickelt und mit dem Profil von Wanderschuhen besohlt.

'Mission Kilimanjaro' hat er sein Projekt, seinen Lebenstraum, getauft. Dabei geht es um viel mehr als das Abenteuer eines Einzelnen, der den Höhen-Kick sucht. Maynard und seine neun Teammitglieder wollen anderen Menschen Mut machen und ihnen zeigen, was im Leben möglich ist.

"18 US-Kriegsveteranen begehen laut einer Statistik jeden Tag Selbstmord", so Maynard. Das müsse sich ändern. Diese Menschen wolle er wachrütteln und ihren Lebenswillen wieder wecken. Das sei seine eigentliche Mission in Afrika und die Idee hinter 'Mission Kilimanjaro'.

Keine Ausreden lautet sein Lebensmotto. Der heute 25-Jährige lebt es von der Geburt an. Aufgrund einer angeborenen Amputation fehlen Kyle sowohl beide Unterarme als auch Unterschenkel. "Für mich ist es keine Behinderung, sondern eine ganz besondere Gabe", sagt Maynard. Seine Eltern haben ihn diesen Glauben von klein auf gelehrt und so auch großgezogen.

Benachteiligte Kinder zu Höchstleistungen animieren

Prothesen habe er als Kind mal ausprobiert, erinnert sich Kyle heute, "die haben mich mehr eingeschränkt als geholfen." Egal ob Wrestling, Auto fahren oder Gewichtheben - Limits kennt er bis heute nicht. Nur dabei sein habe ihm nie gereicht, er wollte Erfolge feiern und die musste er sich hart arbeiten. "Anfangs schaffte ich beim Bankdrücken nur knapp zwei Kilogramm, heute sind es 190 Kilogramm", erzählt Maynard kurz vor seiner Abreise nach Afrika im Interview mit RTL Aktuell Online.

Noch als Teenager veröffentlicht Maynard im Jahr 2005 sein Buch 'No Excuses' ('Keine Ausreden'), ab diesem Zeitpunkt verändert sich sein Leben schlagartig. Kyle schafft es auf das Cover der USA-Today und wird als Gast zur Oprah Winfrey Show eingeladen. Danach tourt er als Motivationstrainer durch die Vereinigten Staaten, bis er seine Bestimmung in der Arbeit mit verwundeten Kriegsveteranen findet.

Mit der Besteigung des Kilimandscharo will Maynhard nicht nur Kriegsveteranen in seiner Heimat inspirieren, sondern auch Kinder mit Behinderungen zu Höchstleistungen animieren. Hierfür besuchen er und seine neun Mitstreiter zu Beginn von Mission Kilimandscharo eine Blindenschule in Tansania. "Ich zeige ihnen praktisch in ihrem Hinterhof, dass ein Leben mit Behinderung keine Grenzen haben muss."

Angst oder Druck verspürt Kyle im Angesicht dieser Herkulesaufgabe nicht - im Gegenteil: "Das wird eine tolle Zeit! Ich kann es kaum erwarten, auf dem Gipfel zu stehen."

Von Benjamin Seebach