Giftgasanschlag? Hunderte Tote in Syrien

30. August 2013 - 21:49 Uhr

Großbritanniens Hague droht indirekt mit militärischem Einsatz

Lange Zeit überlagerten die Ereignisse in Ägypten den blutigen Bürgerkrieg in Syrien. Jetzt schickte die dortige Opposition, die gegen Machthaber Baschar al-Assad kämpft, eine schockierende Nachricht um die Welt: Die Regierungstruppen sollen in der Nähe der Hauptstadt Damaskus etwa 1.300 Menschen ermordet haben, viele Opfer seien durch Giftgas ums Leben gekommen.

Syrien, Tote, Giftgas
Offenbar hat die syrische Regierung in der Nähe von Damaskus 1.300 Menschen getötet. Es soll dabei Giftgas zum Einsatz gekommen sein.
© dpa, Local Committee Of Arbeen

Der Einsatz von Giftgas galt im Syrien-Konflikt lange Zeit als rote Linie. US-Präsident Barack Obama hatte bei Beweisen für einen Gas-Einsatz mit einer Intervention gedroht, auch die Türkei. Aus Ankara kam auch schon der Ruf nach dem Einsatz einer Untersuchungskommission der Vereinten Nationen.

Es gibt furchterregende Bilder, auf denen massenhaft Leichen zu sehen sind, die keine Wunden aufweisen - ein klares Indiz für den Einsatz des todbringenden Gases. Die meisten der Toten sind Zivilisten, darunter viele Kinder.

Das in Großbritannien ansässige oppositionelle Beobachtungszentrum für Menschenrechte berichtete, es seien Raketen mit Giftgas in den östlichen Vororten Samalka, Arbeen und Ein Tarma eingeschlagen. Opposition und die Arabische Liga appellierten an die Chemiewaffen-Experten, die sich im Moment in Damaskus aufhalten, sich selbst vor Ort ein Bild von der Lage zu machen.

Der französische Präsident François Hollande wolle die UN bitten, den Ort der Attacke zu untersuchen, sagte Frankreichs Regierungssprecherin. Großbritanniens Außenminister William Hague sprach von einer "schockierenden Eskalation". Sollten sich die Berichte bestätigen, würden die Verursacher zur Verantwortung gezogen - "auf jede Weise, die uns zur Verfügung steht", sagte Hague in London.

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton reagierte "mit großer Sorge" auf die Berichte. Nach Angaben eines Sprechers forderte sie eine "unverzügliche und eingehende Untersuchung" der Berichte. "Die EU bekräftigt, dass jeder Einsatz von chemischen Waffen in Syrien, von welcher Seite auch immer, völlig inakzeptabel wäre", sagte der Sprecher.

Neues Flüchtlingsdrama an Grenze zum Irak

Die lokalen Revolutionskomitees berichteten, betroffen von den Angriffen seien vor allem der Bezirk Al-Ghuta Al-Scharkija, der als Hochburg des Widerstandes gegen Präsident al-Assad gilt, sowie Moadhamijat al-Scham. Syrische Ärzte sagten dem Nachrichtensender Al-Arabija, wegen der Blockade durch die Armee hätten sie kaum Arzneimittel, um die Verletzten zu behandeln.

Der Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi, forderte die UN-Experten auf, sich sofort in die bombardierten Gebiete zu begeben. Er erklärte: "Ich bin erstaunt, dass so ein verabscheuungswürdiges Verbrechen verübt wird, während die internationalen Inspektoren der Vereinten Nationen in Damaskus sind."

Nach dem Vorwurf des Giftgaseinsatzes veröffentlichten die syrischen Staatsmedien ein Dementi der Regierung. Diese bestritt allerdings nicht die Angriffe in den Außenbezirken der Hauptstadt, sondern lediglich den Einsatz von Chemiewaffen. Die Regierung will kurzfristig keinen Besuch der UN-Experten in einem umkämpften Gebiet östlich von Damaskus erlauben. Der syrische Informationsminister sagte im arabischsprachigen Programm des russischen Senders Russia Today, die Chemiewaffen-Experten könnten nicht einfach spontan den Bezirk Al-Ghuta Al-Scharkija inspizieren. Dafür bedürfe es vorab einer "Vereinbarung mit der Regierung".

Syriens staatliche Nachrichtenagentur Sana schrieb: "Die TV-Kanäle, die an dem Blutvergießen in Syrien und der Unterstützung des Terrorismus beteiligt sind, veröffentlichen diese Berichte, die frei erfunden sind, um das Team, das den Einsatz von Chemiewaffen untersuchen soll, abzulenken, und somit den Erfolg seiner Mission zu verhindern."

Unterdessen bahnt sich an der syrischen Grenze zum Nachbarland Irak ein neues Flüchtlingsdrama an. In den vergangenen Tagen sind mehr als 35.000 Syrer vor den Kämpfen in den Norden des Irak geflohen. "Wir haben heute etwa 2.000 Flüchtlingen geholfen, die Grenze nach Irakisch-Kurdistan zu überqueren", sagte der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerkes (UNCHR) in Beirut. Die Regierung der kurdischen Autonomieregierung im Nordirak hatte vergangene Woche die Öffnung eines Grenzübergangs für Flüchtlinge aus dem Nachbarland beschlossen.