Giftgas: Was können die Waffen-Inspektoren der UN in Syrien noch finden?

30. August 2013 - 21:49 Uhr

Kaum Zweifel an Gas-Einsatz des Assad-Regimes

Vor dem Beginn der geplanten Untersuchung zum angeblichen Giftgasangriff im Bürgerkrieg in Syrien hat UN-Generalsekretär Ban Ki Moon schnelles Handeln angemahnt. "Jede Stunde zählt", sagte der Südkoreaner vor Journalisten in Seoul. "Wir können uns keine Verzögerungen mehr leisten." Die ganze Welt sollte wegen der Bedrohung oder des Einsatzes mit Chemiewaffen besorgt sein. "Deshalb schaut die Welt auf Syrien."

Syrien, Giftgas
Politiker glauben, das Assad-Regime habe die Beweise für einen Giftgas-Einsatz in Syrien längst vernichtet.
© dpa, Str

Doch was genau können die UN-Waffenexperten in dem Dorf, in dem vergangene Woche durch Bomben und möglicherweise auch Gas mehr als 1.000 Menschen starben jetzt noch finden? Der britische Außenminister William Hague befürchtet, dass Beweise bereits zerstört sein könnten. "Wir müssen realistisch sein, was das Ergebnis der Untersuchungen der UN-Inspekteure betrifft", sagte Hague dem Sender Sky News. "Natürlich können Beweise zerstört worden sein", betonte er mit Blick auf anhaltende Artillerie-Angriffe auf die betroffene Gegend östlich der Hauptstadt. Alle bisherigen Erkenntnisse deuteten in nur eine Richtung. Das Assad-Regime besitze chemische Waffen und habe sie bereits in der Vergangenheit in geringerem Umfang genutzt.

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen erklärte, dass in von der Organisation betreuten Krankenhäusern 3.600 Menschen mit Symptomen von Nervengift behandelt worden seien. Von ihnen seien 355 gestorben.

Vor diesem Hintergrund haben der britische Premierminister David Cameron und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach Regierungsangaben aus London "wenig Zweifel", dass das syrische Regime hinter dem angeblichen Giftgaseinsatz bei Damaskus steckt. Nach einem Telefongespräch beider Politiker teilte ein britischer Regierungssprecher mit, beide seien sich einig, dass die UN-Inspekteure in Syrien versuchen sollten, weitere Informationen zu erhalten. Jedoch sei es angesichts des fortgesetzten Beschusses des Gebiets in den vergangenen Tagen wahrscheinlich, dass es kaum harte Beweise geben werde.

Rados: "Die USA werden nicht mit 100.000 Mann einmarschieren"

Solch ein Chemiewaffenangriff verlange eine "harte Antwort" der internationalen Gemeinschaft, so Merkel und Cameron. Doch was ist eine harte Antwort? Ein Einmarsch von internationalen Bodentruppen? Das ist kaum vorstellbar, zu sehr hält Russlands Präsident Wladimir Putin seine schützende Hand über seinen syrischen Amtskollegen Baschar al-Assad, der derzeit ungestraft eine rote Linie nach der anderen überschreitet.

Und so ist die Intervention des Westens weiter nur schwer vorstellbar. "Bei einem militärischen Eingreifen besteht natürlich die Angst vor einem Flächenbrand", analysierte RTL-Korrespondentin Antonia Rados. "Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass die USA mit 100.000 Soldaten in Syrien einmarschieren werden. Es geht mehr darum, eine Art humanitären Korridor zu schaffen. Eine Sicherheitszone, in der die Zivilisten geschützt sind, damit es nicht noch einmal zu solch einer Katastrophe kommen kann."

In den USA steht US-Präsident Barack Obama unter enormem Druck. Denn er hatte eindeutig gesagt, der Westen werde den Einsatz von Chemiewaffen nicht dulden. Wenn er nun aber seinen Drohungen keine Folge leistet, dann verliert er ungemein an Glaubwürdigkeit und das US-System der militärischen Abschreckung an Wirkung.

Fakt ist aber auch, die USA können sich einen neuen Krieg im Nahen Osten kaum leisten. Nur so ist das unendliche Zögern des Pentagons zu verstehen. Immerhin würde der Beweis eines Giftgas-Einsatzes Russland und die USA wieder an einen Tisch bringen, denn in diesem Punkt sind sich die beiden Schwergewichte einmal einig: Chemiewaffen gegen das eigene Volk einzusetzen, ist absolut tabu.

Präsident al-Assad warnte indes in einem Interview einer russischen Zeitung den Westen vor einer Militäroffensive. "Was in Syrien passiert, ist keine Volksrevolution und keine Forderung nach Reform. Das ist Terrorismus", betonte der Machthaber in der kremlnahen Zeitung 'Iswestija'. Assad wies Vorwürfe zurück, dass er Chemiewaffen gegen seine Gegner einsetze. "Das ist Nonsens", meinte er.

Großbritannien und Frankreich halten weiterhin die Bedrohungslage aufrecht. Assad soll sich nicht zu sicher sein. Ein Londoner Regierungssprecher sagte, dass die Regierung die Möglichkeit haben müsse, "sehr schnell zu handeln, wenn nötig".

Auch Frankreichs Präsident François Hollande machte Assad für den Giftgas-Einsatz verantwortlich. Es gebe ein "Bündel Belege" dafür, dass am 21. August Chemiewaffen eingesetzt worden seien, erklärte Hollande dem Élyséepalast zufolge. Alles deute darauf hin, dass das Regime dafür verantwortlich sei. Frankreich sei entschlossen, "diese Tat nicht ungestraft zu lassen".