Bitte hab Verständnis dafür, dass wir in diesem Browser keine optimale Nutzung von RTL.de gewährleisten können. Bitte benutze einen aktuelleren Browser (z.B. Chrome, Firefox, Safari oder Edge), damit du die Seite wie gewohnt nutzen kannst.

Wie sich das Corona-Virus aus dem Paznauer-Tal durch halb Europa verbreitete

„Gier und Versagen“ in Ischgl – Après-Ski-Ort als Europas Hotspot der Viren?

Coronavirus - Österreich
Coronavirus - Österreich
© dpa, Jakob Gruber, hef lop

17. März 2020 - 13:25 Uhr

Von RTL-Reporter Christof Lang

Bei immer mehr Urlaubern wird klar, dass sie sich im österreichischen Skiort Ischgl mit dem Corona-Virus angesteckt haben – die Zahl der Infektionen dürfte europaweit in die Hunderte gehen. Die Behörden in Tirol weisen die Verantwortung dafür zurück. Doch mittlerweile spricht vieles dafür, dass man das Problem dort viel früher hätte erkennen müssen.

Mit fünf Freunden zum Skifahren, jetzt sind alle mit dem Coronavirus infiziert

Am fünften März fuhr ich zusammen mit fünf Freunden für drei Tage nach Ischgl zum Skifahren. Das Skigebiet ist traumhaft und auch für sein Après-Ski-Leben ist die Partyhochburg im Tiroler Paznauntal ja hinlänglich bekannt. Bevor wir abfahren, googelte ich sorgfältig: Könnte da Corona-Gefahr drohen? Es fand sich nichts – die Region war offensichtlich sicher.

Heute wissen wir, dass die Realität eine völlig andere war: Wir fuhren direkt in den schlimmsten Corona-Hotspot außerhalb Italiens. In nur drei Tagen steckten sich alle sechs Mann aus unserer Gruppe dort mit dem Coronavirus an. Und wir sind nicht allein: Dutzende von Corona-Infizierten mit Ischgl-Hintergrund in Hamburg, mehr als 130 Dänen haben sich laut dänischen Zeitungsberichten angesteckt. Ähnlich viele Infizierte sind es offenbar in Norwegen, es gibt Ischgl-Opfer in rund 20 deutschen Landkreisen, Tendenz steigend. Viele davon haben vermutlich wieder andere Menschen angesteckt – ein kleiner Skiort verbreitet das Virus durch halb Europa.

Corona-Infektion in Tirol - Behörden: „wenig wahrscheinlich“

RTL-Reporter Christof Lang beim Skifahren in Ischgl
Skifahren in Ischgl: RTL-Reporter Christof Lang infizierte sich im Ski-Urlaub mit dem Coronavirus
© Privat

Ischgl selbst gibt sich ratlos: "Wir haben gehandelt, wie die Behörden es uns vorgegeben haben" sagte Bürgermeister Werner Kurz kürzlich. Die Frage aber ist: Hat man rechtzeitig gehandelt? Denn die Partymaschine Ischgl lief noch tagelang auf Hochtouren weiter, als man längst gewarnt hätte sein sollen. Tanzen in der Menge, Biergläser, die von Hand zu Hand gehen.

Denn erste Hinweise gab es spätestens am 3. März, wie das österreichische Portal "Oe24" berichtet, diese aber seien "verschwiegen" worden. Am 29. Februar nämlich landete in Keflavik eine Maschine der Fluggesellschaft Icelandair, an Bord eine Gruppe von 14 isländischen Ischgl-Urlaubern. Mehrere davon hatten den Corona-Erreger im Körper, wie Tests später ergaben. Doch Österreichs Behörden sahen von einer Warnung ab, die dem Bombengeschäft in Ischgl natürlich einen schweren Dämpfer versetzt hätte.

Es sei aus medizinischer Sicht "wenig wahrscheinlich, dass es in Tirol zu Ansteckungen gekommen ist", befand Tirols Landessanitätsdirektor Franz Katzgraber. Die Reisenden hätten sich wohl bei einem erkrankten Italien-Urlauber angesteckt, der ebenfalls in der Maschine saß.

Im „Kitzloch“ kam die angeblich heile Skiwelt ins Wanken

dpatopbilder - 13.03.2020, Österreich, Ischgl: Eine leere Bar. Die Region Paznauntal mit dem Touristenort Ischgl steht in Österreich neben weiteren Orten wegen einer erhöhten Zahl von Coronavirus-Fällen unter Quarantäne. Foto: Jakob Gruber/APA/dpa ++
"Schatzi", eine der beliebten Après-Ski-Bars in Ischgl
© dpa, Jakob Gruber, hef lop

Somit ging das Après-Ski-Treiben weiter, als ob nichts gewesen wäre. Viele Urlauber wechseln an den Abenden von einer der überfüllten Après-Kneipe in die nächste, vom "Trofana" ins "Schatzi" und weiter ins "Kitzloch". Das Virus, das wissen wir heute, dürfte mit dabei gewesen sein.

Im "Kitzloch" kam die angeblich heile Skiwelt ins Wanken. Es dauerte bis zum 7. März, da meldete der Skiort den ersten verbürgten Corona-Fall: Ein 36-jähriger deutscher Barkeeper im "Kitzloch" testete postiv. Wenig später wurde dann bekannt, dass sich 15 Personen aus seinem "direkten Arbeitsumfeld" ebenfalls angesteckt haben. Wenig beruhigend, wenn man weiß, dass Angestellte des "Kitzloch" sich regelmäßig mit Tabletts, die mit bis zu 100 Schnapsgläsern auf einmal gefüllt sind, durch die Menge quetschten.

Selbst dann dauerte es noch, bis wirkungsvolle Konsequenzen eingeleitet wurden. Erst am 10. März verfügen die Behörden die Schließung aller Après-Lokale – bis dahin ging die Party weiter, und möglicherweise infizierte Urlauber reisten völlig ungeprüft nach Hause zurück. Dann aber rollte die Lawine – Skigebiet geschlossen, gesamte Region unter Quarantäne gestellt, alle Urlauber nach Hause.

Politik-Magazin: „Versagen der regionalen Ebene“

 Kontrolle durch die Polizei, einfahrende Fahrzeuge werden darauf hingewiesen das es sein kann, 14 Tage nicht mehr herauskommenn. Viele Urlauber sind Talauswärts am Weg *** Control by the police, vehicles entering the valley are warned that they may
Lange Schlangen mit Urlaubern, die fürchten durch Quarantäne-Maßnahmen nicht mehr aus dem Skigebiet wegzukommen
© imago images/Zeitungsfoto.at, Liebl Daniel/zeitungsfoto.at via www.imago-images.de, www.imago-images.de

"Gier und Versagen in Tirol" – diesen Schluss zog jetzt das österreichische Politik-Magazin "Der Standard". Es spricht von einem "Versagen der regionalen Ebene", das auch von den Wiener Behörden nicht rechtzeitig korrigiert worden sei.

Womöglich war die Wegschau-Mentalität in Ischgl und Umgebung sogar noch ausgeprägter. Angestellte vor Ort berichten RTL vertraulich, es habe seit Wochen schon Erkrankte gegeben, bei denen ein Corona-Verdacht nahe gelegen habe: "Zwischendurch haben 50 Prozent gehustet und gerotzt". Doch niemand sei an Tests interessiert gewesen – nicht mal die Angestellten selbst. Viele davon stammen aus Osteuropa, insbesondere der Slowakei und seien auf ihr Einkommen angewiesen. Wer sich testen lassen wollte, so ein Informant, dem sei gesagt worden, er müsse die Kosten dafür selbst tragen. Diese Anschuldigungen sind weder bewiesen, noch lassen sie sich derzeit verifizieren. Aber sie würden mit erklären, warum die Corona-Fallzahlen in Ischgl und Umgebung derart explodierten.

Im Video: RTL-Reporter Christof Lang in Quarantäne

Hotelier: „Wahnsinn“

RTL sprach auch mit einem Hotelier auf der anderen Seite der Grenze – in Südtirol. Dieser berichtet, es sei schon seit geraumer Zeit darüber gesprochen worden, dass in den Skiorten des Paznaunertals offenbar wenig Interesse bestehe, Corona-Verdachtsfällen auf den Grund zu gehen. Während in Südtirol die Hotels auch in Gegenden schlossen, in denen es noch keinen Corona-Fall gab, lief in Ischgl das Programm weiter – er persönlich finde das einen "Wahnsinn", sagt uns der Hotelier.

Es löste auf einen Domino-Effekt aus. Carsten und Bellinda Willschrey zum Beispiel waren vom 29. Februar bis zum 7. März in Ischgl, parallel also zu mir. Als sie sich am Montag zu Hause aufgrund von corona-ähnlichen Beschwerden testen lassen wollten, war ihr Arzt skeptisch: Ischgl sei doch kein Risikogebiet, es stehe nicht auf der Liste des Robert-Koch-Instituts. Erst zwei Tage später fand der Test dann statt. Beide hatten sich angesteckt.

Wie viele solche Fälle gibt es noch? Es hätte anders laufen können, ja müssen – wenn man im Paznauner Tal nicht so lange die Augen verschlossen und somit ungewollt zugelassen hätte, das Ischgl zur Drehscheibe für das Coronavirus wurde.

Auch interessant