Gibt es in Zukunft mehr Tote durch multiresistente Keime als durch Krebs?

06. Februar 2018 - 16:19 Uhr

Weltgesundheitsorganisation WHO warnt

Die Nase läuft, der Hals kratzt, die Glieder schmerzen – es ist wieder Erkältungshochsaison. Um schnell wieder gesund zu werden, greifen viele Menschen zu Antibiotika. Doch je häufiger sie eingesetzt werden, umso größer ist die Gefahr, dass sich Resistenzen bilden und die Antibiotika nicht mehr wirken. Die WHO befürchtet, dass 2050 mehr Menschen durch resistente Erreger sterben könnten als durch Krebs. Wir verraten Ihnen, wie Resistenzen entstehen und haben hilfreiche Tipps, wie sie diese vorbeugen können.

Der falsche Umgang mit Antibiotika wird zur globalen Gefahr

Antibiotika-Resistenzen entstehen vor allem dann, wenn das Medikament nicht richtig eingenommen wird.
Antibiotika werden entweder zu häufig, zu kurz oder zu niedrig dossiert eingenommen.
© lev dolgachov

Antibiotika sind beliebt, schließlich bekämpfen sie in kürzester Zeit die Krankheitserreger. Doch Bakterien sind anpassungsfähig und wahre Überlebenskünstler. So kann es vorkommen, dass die Medikamente nicht mehr gegen die Bakterien wirken. In der Fachsprache heiß das Antibiotika-Resistenz. Und das ist heute ein ernstes Problem.

Es gibt zwei verschiedene Arten von Resistenzen.

  1. Die Bakterienart kann die Resistenz schon immer in sich getragen haben. Hier würde das Antibiotikum also nie wirken.
  2. Es kann aber auch sein, das die Bakterien die Resistenz spontan erwerben. Bakterien vermehren sich rasend schnell. Bei dieser Zellteilung entstehen Veränderungen im Erbgut. Dies kann dazu führen, dass ein Bakterium plötzlich gegen ein Antibiotikum resistent ist. Das mutierte Bakterium überlebt und kann sich so in Ruhe ausbreiten und seine genetischen Informationen weitergeben.

Diese Antibiotika-Resistenzen entstehen vor allem dann, wenn Antibiotika nicht richtig angewendet werden. Diese Antibiotika-Resistenzen entstehen vor allem dann, wenn Antibiotika nicht richtig angewendet werden. So wird das Medikament entweder zu häufig, zu kurz oder zu niedrig dosiert eingenommen. Doch nicht nur der großzügige Umgang mit den Antibiotika in der Humanmedizin ist problematisch. Noch gravierender ist der massenhafte Einsatz in der Tierhaltung, die die Entstehung resistenter Bakterien begünstigen.

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10 Millionen Tote im Jahr durch resistente Erreger befürchtet

Und die Zahlen sind dramatisch: Weltweit sterben 700.000 Menschen pro Jahr an Infektionen durch multiresistente Keime. In den 1960er Jahren ging die Wissenschaft noch davon aus, man würde Infektionskrankheiten im Jahr 2000 besiegt haben. Eingetreten ist das Gegenteil, die Zahl der Toten steigt. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht anzusehen. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet bis 2050 mit 10 Millionen Toten jährlich durch resistente Erreger. Damit würden mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs.

Arzneimittelforschung steht still

Antibiotika-Resistenzen nehmen immer weiter zu
Neue WHO Zahlen: Weltweit sterben 700.000 Menschen pro Jahr an Infektionen durch multiresistente Keime.
© dpa, Daniel Karmann, dka sja wst pil fgj rho jol

Die Zahl neu zugelassener Antibiotika ist seit Anfang der 80er Jahre dramatisch zurückgegangen. Damals wurden zehn der heute existierenden 18 Antibiotikaklassen entdeckt. Ende der 80er kam die Forschung nach neuen Antibiotika zum Stillstand. Von 2008 bis 2011 seien überhaupt nur zwei neue Antibiotika auf den Markt gekommen, beklagte Professor André Gessner vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene in Regensburg in der 'Ärztezeitung'.

Anders als bei Medikamenten gegen chronische Leiden, die ein Leben lang eingenommen werden müssen, sind die Ertragsaussichten für Pharmahersteller bei Antibiotika deutlich geringer – insbesondere wenn es um die Entwicklung von Reserveantibiotika geht. Die kommen nur dann zum Einsatz, wenn die Standardarzneien versagen. Das Marktpotenzial ist daher in diesem Fall sehr gering

Neue Anreize dringend notwendig

Antibiotika verlieren zunehmend ihre Wirkung. Die WHO warnt vor schweren Folgen für das Gesundheitswesen. Foto: Lukas Schulze
Symbolbild.
© DPA

Als Hauptgrund nannte Gessner, dass sich die Entwicklung für die Pharmaindustrie kaum lohnen würde. Nach der Markteinführung existieren für neue Substanzen, die zunächst als Reserveantibiotika dienen, nur wenige medizinisch sinnvolle Einsatzfelder. "Nur für ein Prozent der Patienten kommt eine Therapie mit einem Reserveantibiotikum infrage", berichtete Gessner. Die Entwicklungskosten seien aber ähnlich hoch wie bei Rheumaarzneien.

Neue Anreize seien dringend notwendig, fordert Gessner. Im Moment würde diskutiert werden, dass die Politik vielleicht auch mit Steuergeldern die Entwicklung von Antibiotika unterstütze.

Grundsätzlich gelte für die Auswahl des Antibiotikums: so schmal wie möglich, so breit wie nötig. Gessners Rat: "Nehmen Sie das älteste Antibiotikum, das noch wirkt".

Wann und wie Sie Antibiotika einnehmen sollten und weitere wichtige Fragen beantworten wir Ihnen im Video.