Greta (3) soll von ihrer Erzieherin getötet worden sein

Woran merken Eltern, dass etwas nicht stimmt und was können sie tun?

Eltern können an gewissen Anzeichen erkennen, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt.
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30. Mai 2020 - 14:39 Uhr

Erzieherin soll bei mehreren Kindern gewalttätig gewesen sein

In einer Kita in Viersen soll eine Erzieherin ein schlafendes Mädchen durch massive Gewalteinwirkungen getötet haben. Die 25-Jährige sitzt mittlerweile in Untersuchungshaft. Doch offenbar war die kleine Greta (3) nicht das erste Kind, das in der Obhut von Sandra M. verletzt wurde. Auch andere Kinder klagten über plötzliche Atemprobleme, hatten anschließend Angst, in die Kita zu gehen. Der Polizei gemeldet wurde keiner der Fälle. Das Problem: Gerade kleinere Kinder können sich oft noch nicht so gut ausdrücken, können nicht genau sagen, was passiert ist oder werden nicht ernst genommen. Wie können Eltern oder andere Erzieher erkennen, wenn etwas nicht stimmt? Und wie sollten sie sich dann verhalten?

Woran können Eltern oder Erzieher erkennen, dass etwas nicht stimmt?

"Kinder sind hervorragende Beobachter mit einer stark ausgeprägten Intuition, auch wenn sie sich noch nicht so artikulieren können, dass wir Erwachsene sie immer verstehen", erklärt die Systemische Familienberaterin Ruth Marquardt im Interview. "Jedoch äußern sie in aller Regel recht deutlich, wenn sie sich wohlfühlen und insbesondere auch, wenn sie sich nicht wohlfühlen."

Mögliche Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, können sein:

  • Das Kind weint und möchte nicht zu einer bestimmten Person in die Gruppe, weil etwas für das Kind nicht stimmt oder die Person Ähnlichkeit mit dem Täter hat.
  • Das Kind vermeidet Orte, die auslösend waren, weint zum Beispiel, wenn es das Haus verlassen oder in den Kindergarten muss.
  • Das Kind kann eine generelle Verunsicherung zeigen und sich entweder stark an die Eltern klammern
  • oder sich im Gegenteil aufgrund von Verunsicherung zurückziehen, weil sie das Verhalten von Erwachsenen nicht einschätzen können

"Sämtliche Sinneserfahrungen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit dem traumatisch Erlebten stehen, können hier als "Trigger" die genannte Symptome auslösen", erklärt Psychologin Miriam Hoff. Trigger können dann zum Beispiel auch alle blonden Frauen mit Brille sein oder wenn das Kind einen bestimmten Vornamen oder Lieder hört, die im Spielkreis mit der Person gesungen wurden.

Halten diese Anzeichen länger an, sollten Eltern und Erzieher aufmerksam werden und genau beobachten, wann und in welchem Zusammenhang das Verhalten auftaucht, wie sich das Kind im Verhalten möglicherweise verändert und nicht einfach darüber hinwegsehen, rät Marquardt. "Das gilt auch für das eigene familiäre oder soziale Umfeld."

Auch Entwicklungsschritte, die schon erreicht wurden, können bei traumatisierenden Erlebnissen wieder aufgegeben werden, so Hoff.

Das kann sich zum Beispiel zeigen in:

  • Sprachverweigerung (Mutismus)
  • Wortfindungsstörungen
  • Einsilbigkeit
  • genereller Passivität
  • Überdrehtheit
  • vermehrtem Einnässen und Einkoten
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Schreckhaftigkeit
  • Reizbarkeit
  • Albträume

"Vor allem beim Vorkommen mehrerer dieser Symptome gleichzeitig sollte man hellhörig werden", rät Hoff.

Was kann so eine Erfahrung bei einem Kind anrichten?

"Das Urvertrauen in Bezugspersonen kann durch traumatisierende Erlebnisse nachhaltig gestört werden. Im schlimmsten Fall entwickelt das Kind eine Posttraumatische Belastungsstörung und sollte dann psychotherapeutisch behandelt werden", erklärt Hoff.

Wie sollten sich Eltern verhalten, wenn sie merken, dass Erzieher nicht gut mit ihren Kindern umgehen?

Hoff rät zu sofortigem Handeln und Offenheit: "Der Schutz der Kinders steht über allem und nicht erkannte Misshandlung oder auch das Miterleben dessen können bei Kindern – vor allem in dem jungen Alter – irreversible Schäden in der psychischen Entwicklung hinterlassen. Allerdings sollte man als Eltern auch Vorsicht walten lassen, dass niemand zu Unrecht angeklagt wird. Daher am besten die Leiterin der Kita kontaktieren und ihr schildern, wie und seit wann sich das eigene Kind verändert hat oder auch, was das Kind gesagt hat bzw. was sie als Eltern beobachtet haben. Es ist auch ratsam, andere Eltern zu fragen, ob deren Kinder ähnliches Verhalten zeigen oder Ähnliches berichten - gemeinsam kann man oft mehr bewirken. In jedem Fall sollte man das eigene Kind ernst nehmen und ihm das auch in den Handlungen zeigen".

Wie können wir als Eltern und Familie unsere Kinder noch besser schützen?

Laut Marquardt zählt vor allem eines: Die Gefühle der Kinder ernst nehmen. "Wir alle kennen vielleicht noch Sätze wie 'Jetzt stell dich nicht so an', 'Ein Junge weint nicht', oder 'Das tut doch gar nicht weh'. Sie klingen harmlos - tragen jedoch leider dazu bei, dass Kinder lernen, dass ihre Gefühle offenbar nicht richtig sind. Ein Kind, das lernt, alle Gefühle äußern zu dürfen, fühlt sich ernst genommen und ermutigt, zu sagen, wenn etwas nicht stimmt. Das verunsichert im Idealfall mögliche Täterinnen oder Täter. Und das Kind weiß: Ich kann meinen Eltern immer sagen, wenn etwas nicht stimmt. Sie nehmen mich ernst. Auch das ist Kinderschutz."