Bisherige Kontrollmechanismen reichen offensichtlich nicht aus

Erzieherin unter Mordverdacht: Wieso konnte Sie so oft den Arbeitgeber wechseln?

Mordverdacht in Kita
© dpa, Federico Gambarini, fg wst

29. Mai 2020 - 13:16 Uhr

Mehrere Arbeitgeber zwischen 2017 und 2020

Der Fall sorgt bundesweit für blankes Entsetzen bei Eltern: In einer Viersener Kita soll ein Mädchen (3) von ihrer Erzieherin Sandra M. getötet worden sein. Die 25-Jährige wurde festgenommen und befindet in Untersuchungshaft. In der Vergangeneit war die Erzieherin immer wieder negativ aufgefallen. Mehrere Vorfälle mit Atemnot-Problemen deuten darauf hin, dass sie bereits mehrfach versucht hat, ein Kind zu töten. Zwischen 2017 und 2020 wechselte sie mehrfach die Arbeitsstelle. Wie kann es sein, dass sie ihren Beruf weiter ausüben konnte?

Millionen Eltern in Sorge

Haben die neuen Arbeitgeber nicht gewusst, dass es sich bei Sandra M. um eine Erzieherin mit zweifelhafter Vorgeschichte handelte? Wie könnte es überhaupt sein, dass die mutmaßliche Täterin trotz all der Hinweise noch mit Kindern arbeiten durfte? Das fragen sich jetzt wahrscheinlich Millionen Eltern, die ihre Kinder jeden Morgen zur Kita bringen. Wir haben mit Waltraud Weegmann, Bundesvorsitzende des Deutschen Kitaverbands, darüber gesprochen.

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Waltraud Weegmann ist Vorsitzende des Deutschen Kitaverbandes. Foto: Konzept-e/Deutscher Kitaverband/dpa-tmn
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Negative Berichte und Hinweise seit 2017

Als sich die Ermittler im Fall Sandra M. in den anderen Kitas umhörten, in denen die Erzieherin bisher gearbeitet hatte, stießen sie auf weitere verdächtige Vorfälle, bei denen Kinder in ihrer Obhut plötzlich Atemprobleme hatten. Der Polizei wurden diese Fälle aber nie gemeldet. Bereits im August 2017 fiel die Erzieherin demnach negativ auf. Seitdem kam es in all ihren Arbeitsstationen immer wieder zu negativen Vorfällen. Der Erzieherin wird mangelnde Empathie und eine Unfähigkeit, mit Kindern zu arbeiten, bescheinigt.

Schlägt sich dies nicht so in den Arbeitszeugnissen nieder, dass die neuen Arbeitgeber hätten gewarnt sein müssen? Wird die Vergangenheit einer neuen Erzieherin nicht ausreichend geprüft?

Arbeitsrecht verhindert Austausch unter den Kitas

"Das ist arbeitsrechtlich schwierig", sagt uns Waltraud Weegmann, Bundesvorsitzende des Deutschen Kitaverbands. "Die Kitas dürfen sich untereinander nicht austauschen." Der vorherige Arbeitgeber dürfe sogar nicht einmal ansatzweise im Zeugnis erwähnen, wenn ein Erzieher oder eine Erzieherin auffällt. "Deshalb sind letztendlich alle Zeugnisse Makulatur", so Weegmann.

Allerdings bestehe eine Meldepflicht der Kitas gegenüber den Jugendämtern bei körperlichen Übergriffen, wenn die Einrichtungen konkrete Verdachtsmomente haben. "Die gibt es aber oft nicht." Zudem müssen die Träger sich grundsätzlich ein erweitertes Führungszeugnis von Bewerbern vorlegen lassen. Allerdings dauert es eine Weile, bis Vorfälle aktenkundig sind. Das Problem, so Weegmann: "Ein erweitertes Führungszeugnis hat immer einen zeitlichen Verzug." Mit dem Resultat, dass "Arbeitsrecht und Datenschutz in solchen Fällen leider häufig auf Kosten der Kinder" gehen.

Psychische Leiden lassen sich nicht auf Anhieb erkennen

Pädagogik-Experten wie Sachbuchautorin Dr. Anke Elisabeth Ballmann fordern es schon länger ein: Bei Erzieherinnen und Erziehern muss ein Biografie-Check gemacht werden. Jeder, der diesen Beruf ergreifen will, muss seine eigene Kindheit und Erziehung mit professioneller Hilfe durchleuchten. Doch davon ist die Realität leider meilenweit entfernt. Es gebe zwar betriebsärztliche Untersuchungen, psychische Leiden ließen sich aber oft nicht auf Anhieb erkennen, so die Kitaverband-Vorsitzende.

"Leider passiert es, dass Erzieher und Erzieherinnen nicht die besten Voraussetzungen für ihren Beruf mitbringen - ob es sich nun um mangelnde Empathie oder um einen ruppigen Umgangston mit Kindern handelt", sagt sie uns. "Viele Kita-Träger entlassen solche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen grundsätzlich." Aber die Träger müssten dann oft Entschädigungen zahlen. Alle Einrichtungen leiden zusätzlich unter dem Fachkräftemangel, was die Qualität der Bewerber mindere, so Weegmann.

Gibt es denn keine Kontrollmechanismen, die eine solche Tat verhindern können?

Als die schreckliche Tat geschehen ist, soll die mutmaßliche Täterin alleine mit dem dreijährigen Mädchen gewesen sein. Wie sieht es diesbezüglich mit Kontrollmechanismen aus? "Wichtig ist im Tagesablauf einer Kita, dass möglichst selten einzelne Erzieher unbeobachtet mit einzelnen Kindern allein sind", sagt die Kitaverband-Chefin. "In solchen Situationen liegen die Risiken, egal, um welche Form der Übergriffigkeit es geht." Es sollten daher immer mindestens zwei Erzieher zusammenarbeiten, so Weegmann. Wichtig sei auch, einzelne Kita-Bereiche einsehbar zu gestalten. "Je transparenter in einer Kita gearbeitet wird, umso geringer ist das Risiko, dass etwas passiert."