Getötete Mia V.: Wie wird das Alter von jungen Flüchtlingen ohne Papiere ermittelt?

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30. Dezember 2017 - 12:25 Uhr

Mord an Mia: Vater zweifelt Alter des Täters an

Aus Eifersucht tötete Abdul D. seine Ex-Freundin Mia V. (15) aus Kandel. Der Fall nimmt viele mit – vor allem aber hat es eine Diskussion entfacht: Ist der Täter wirklich erst 15 Jahre alt? Mias Vater zweifelt daran, hält ihn für älter. Fest steht jedenfalls: Die Staatsanwaltschaft behandelt den Angeklagten strafrechtlich derzeit wie einen Jugendlichen – also milder als einen Erwachsenen. Erst wenn während des Prozesses Zweifel am Alter von Abdul D. aufkommen, kann ein medizinisches Gutachten beantragt werden. Doch wie kommt das Alter überhaupt zustande, wenn keine Papiere vorliegen?

Was ist, wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge keine Ausweispapiere vorweisen können?

Wenn keine Ausweispapiere vorhanden sind, nimmt nicht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eine Altersbestimmung vor, sondern das Jugendamt. Dann erfolgt die Altersschätzung jedoch zunächst nur durch bloße Inaugenscheinnahme durch die Fachkräfte. Oft ist es lediglich ein  Näherungswert, der darüber entscheidet, ob die Person eine kindgerechte Unterbringung, Unterstützung, eigenen Wohnraum, Bildung, rechtliche Vertretung, Gesundheitsversorgung benötigt oder ein Recht auf Aufenthalt besteht.

Das Problem: Der Bundesfachverband für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gibt selber zu, dass es "weder Methoden (…), noch einheitliche Verfahren oder besondere Stellen" gibt, um das Alter einer Person festzustellen. Das Jugendamt ermittelt das Alter durch Abfragen der biografischen Daten und des Erscheinungsbildes.

Das Problem: Alter von Straftätern entscheidet über die Dauer der Haft

Ab 14 Jahren sind Menschen in Deutschland strafmündig. Bis zum Alter von 17 Jahren gelten sie als Jugendliche und können mit einer Mord-Höchststrafe von zehn Jahren und einer Totschlag-Höchststrafe von fünf Jahren verurteilt werden. Personen zwischen 18 und 21 werden als Heranwachsende eingestuft. Ihre Höchststrafe bei Mord ist wie bei Erwachsenen lebenslang, bei Totschlag gilt: höchstens zehn Jahre. Erwachsene können für Totschlag mit bis zu 15 Jahren bestraft werden. Das Alter des Kriminalstraftäters entscheidet also in Deutschland unter anderem über die Dauer der Haft.

Bestehen Zweifel am Alter des unbegleiteten minderjährigen Flüchtlings, kann auch eine ärztliche Untersuchung veranlasst werden. Die ermittelt das Alter mittels Röntgenbilder der Handknochen, Zahnuntersuchungen oder eines CT des Schlüsselbeins. Dieses Vorgehen kommt beispielsweise zum Tragen, wenn die Person die vorgenommene Einschätzung nicht zutreffend findet. Dann kann sie klagen und das Familiengericht entscheidet unter Berücksichtigung des medizinischen Gutachtens. Ebenso steht es auch dem Jugendamt zu, eine gerichtliche Feststellung des Alters zu erwirken.

Wie genau und zuverlässig die medizinischen Gutachten tatsächlich sind, das erfahren Sie im Video!

Politiker fordern einheitliche Altersbestimmung

Nun fordern auch Politiker konsequentere Altersprüfungen bei jungen Flüchtlingen. Die CSU verlangt sogar eine verpflichtende medizinische Altersfeststellung etwa durch Handknochen. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann findet: "Wir brauchen eine strikte Regelung für eine medizinische Altersüberprüfung von allen ankommenden Flüchtlingen, die nicht klar als Kinder zu erkennen sind." Auch SPD-Innenexperte Burkhard Lischka spricht sich für "einheitliche Standards" aus, auf die sich Bund und Länder einigen sollten.

Zweifel am Alter des Täters auch beim Mordfall Maria K. aus Freiburg

Mordfall Freiburger Studentin Maria K.
Blumen und Grablichter erinnern in Freiburg an die ermordete Studentin Maria K. (Archiv).
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Auch im Fall der ermordeten Freiburger Studentin Maria K. wurde über das Alter des Täters diskutiert. Ihr geständiger Mörder, der Flüchtling Hussein K. gab an, 17 Jahre alt zu sein. Doch zwei Gutachter waren sich einig, dass der Täter bereits über 21 sein muss. Die Staatsanwaltschaft hielt Hussein K. aufgrund beider Gutachten für 22 Jahre und somit nicht mehr für einen Heranwachsenden. Ein Urteil im Prozess steht noch aus.