Einschätzungen des Epidemiologen Prof. André Karch

Gerecht? Warum Gütersloh im Lockdown bleibt - Warendorf aber nicht

01. Juli 2020 - 12:19 Uhr

Deswegen kann man Warendorf und Gütersloh unterschiedlich behandeln

Nach dem Massenausbruch bei Tönnies, können die Menschen aus dem Kreis Warendorf aufatmen: Bei ihnen endet der Lockdown. Die Gütersloher müssen allerdings noch eine Woche in den Beschränkungen verharren. Klingt erstmal ungerecht, doch es gibt wissenschaftliche Argumente dafür, dass man die beiden Kreise unterschiedlich behandeln kann, sagt der Epidemiologe André Karch von der Uni Münster im Interview mit RTL-Reporterin Nina Lammers.

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Unterschiede zwischen Gütersloh und Warendorf

  • Die Zahl der Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner innerhalb von 7 Tagen ist im Kreis Warendorf deutlich niedriger: Rechnet man die Tönnies-Mitarbeiter raus, liegt sie in Warendorf bei 5,4 und im Kreis Gütersloh bei 22 Infizierten.
  • In Warendorf haben sich weit weniger Menschen aus der allgemeinen Bevölkerung ohne Tönnies-Bezug angesteckt, als im Kreis Gütersloh, wo mehr als 100 Neuinfizierte innerhalb von sieben Tagen ohne Tönnies-Bezug verzeichnet wurden.

Es gebe viele gute Argumente dafür, dass es im Kreis Warendorf nicht zu einer völlig unkontrollierten Ausbreitung in der Allgemeinbevölkerung gekommen sei, sagt Professor Karch. Er nimmt an, dass sich die Situation auch in den kommenden Tagen nicht anders darstellt. Das Ende des 7-tägigen Lockdowns im Kreis Warendorf scheint also verantwortbar.

Lockdown nicht mehr für ganze Kreise?

Im Kreis Warendorf gibt es 13 Städte und Gemeinden: In fünf davon gibt es aktuell keine einzige Infektion. Trotzdem mussten die Menschen sich dort an die siebentägigen  Lockdownbestimmungen halten. Weil das nicht zusammenzupassen scheint, wird nun diskutiert, ob man Lockdowns in Zukunft nur noch für Städte und Gemeinden verhängt und nicht mehr für ganze Kreise.

Auch Sicht der Menschen, die in einem betroffenen Kreis leben, mag das sinnvoll klingen, sagt Prof. André Karch, der auch Mitglied der deutschen Gesellschaft für Epidemiologie ist, aber grundsätzlich könnte ein Runtergeben auf die Städte- und Gemeindeebene Probleme geben, denn die Zuordnung zu Kreisen ist in Deutschland entscheidend für das Meldeverhalten. "Dementsprechend ist das eine sehr sinnvolle Ausgangslage, das auf dieser Ebene zu halten, weil dann auch geregelte Abläufe sichergestellt sind", argumentiert Karch.

Das komplette Gespräche sehen Sie im Video.

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