Mädchen (9) von Schuss aus Jagdgewehr getroffen

Vater im Prozess: Schüler mobbten meine Jana, weil sie im Rollstuhl saß

Der angeklagte Jäger Jens M. vor Gericht.
Der angeklagte Jäger Jens M. vor Gericht.
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17. September 2021 - 9:42 Uhr

Prozess gegen 34-jährigen Jäger in Gera

Die kleine Jana (damals 6) wird im heimischen Garten in Großsaara (Thüringen) von einem Schuss getroffen, überlebt schwer verletzt. Die Spur führt zu einer Erntejagd im Wald nebenan: Jäger Axel J. (34) soll in Richtung Garten geschossen haben – ohne darauf zu achten, ob sich dort jemand aufhält. In Gera läuft der Prozess zu dem verhängnisvollen Vorfall im Sommer 2018. Der Anwalt des Angeklagten will das Gericht offenbar davon überzeugen, dass der Schuss von einem anderen Jäger abgegeben wurde. Janas Vater erklärte, dass seine Tochter seit dem Unglück nicht nur mit schweren körperlichen Problemen kämpft.

Mädchen nimmt täglich Schmerzmittel

Zwar kümmerte sich ein Rettungssanitäter, der sich zufällig im Garten nebenan aufhielt, schnell um Jana. Aber der Unfall hatte für sie schwere Konsequenzen: Nachdem die Kugel sie in die Hüfte getroffen hatte, saß Jana lange im Rollstuhl. Sie muss noch immer täglich Schmerzmittel nehmen.

Janas Vater Jens M. (31) sagte am Dienstag im Prozess als Zeuge aus und schilderte, wie er den 14. Juli 2018 erlebte. "Wir waren im Garten grillen, als ich einen Knall hörte. Dann sah ich meine Tochter zur Seite in den Pool fallen. Alles war voller Blut. Ich sah ihre Verletzung am Arm, an der Hüfte und später am Rücken. Wegen der Schreie hat ein Bekannter aus dem Garten geholfen, sie zu verbinden. Dann haben wir die Polizei gerufen."

Jana wurde gemobbt, weil sie mit dem Rollstuhl zur Schule kam

Seiner Tochter gehe es "beschissen", berichtet der 31-Jährige. "Sie hat Probleme beim Laufen und beim Spielen. Und nur Schmerzen – sie geht mit Schmerzen ins Bett." In der Schule habe sie eine Begleitung. "Sie hat Reha, ständige Arzttermine, Physiotherapie, Psychiater und Ergotherapie. Zweimal die Woche geht sie zur Physiotherapie, damit ihre Beine und Hüfte wieder besser funktionieren. In ihrer letzten Schule wurde sie gemobbt, weil sie mit dem Rollstuhl kam. Wir mussten die Schule wechseln. Jetzt schafft sie es zumindest schon ohne Rollstuhl zur Schule."

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Axel J. soll Richtung Garten geschossen haben

Die Anklage wirft Axel J., der als Gärtner arbeitet, fahrlässige Körperverletzung vor. Bei der Erntejagd im Juli 2018 habe er von einer mobilen Jagdkanzel einen Schuss in Richtung des Gartens abgegeben, in dem sich Jana aufhielt. "Sie haben sich dabei nicht versichert, dass niemand gefährdet ist", heißt es. Das Geschoss durchschlug den Angaben zufolge zunächst eine Decke und dann den Ellenbogen, Darm und Rücken des Mädchens. "Es bestand Lebensgefahr, sie musste notoperiert werden."

Gera: Jäger äußert sich im Prozess nicht

Verteidiger Günter Heine
Günter Heine vertritt den angeklagten Jäger im Prozess.
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Axel J. schweigt zu den Vorwürfen. "Ich gehe davon aus, er war es nicht", sagt sein Verteidiger Günter Heine im RTL-Interview. Die Frage, wer den Schuss tatsächlich abgegeben habe, sei noch nicht geklärt. Sein Mandant erhoffe sich vom Prozess "Gerechtigkeit".

Der Prozess soll am 28 . September fortgesetzt werden – mit einer Ortsbegehung am Tatort, an der auch Janas Eltern teilnehmen wollen.

Erntejagd birgt Gefahren

Die Erntejagd gilt als anspruchsvoll: Ein Mähdrescher scheucht die Tiere im Feld auf – dann versuchen Jäger, das Wild zu erlegen. Dabei sei besonders auf den entsprechenden Kugelfang (Vorrichtung, die Geschosse sicher auffängt) zu achten, erklärt Frank Herrmann vom Landesjagdverband Thüringen. Der Grund: Eine Kugel kann sehr schnell abgelenkt werden – speziell dann, wenn weite und flache Schüsse abgegeben werden. (bst)