Bewerbungs-Chance in Bahrain

Russell ersetzt Hamilton: Der Rohdiamant will sich schärfen

George Russell fährt in Bahrain erstmals ein Formel-1-Rennen für Mercedes
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03. Dezember 2020 - 18:14 Uhr

Von Martin Armbruster

Mit aussagekräftigen Bewerbungen kennt sich George Russell aus. Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff überzeugte er einst mit einem detaillierten Lebenslauf davon, ihn ins Juniorprogramm der Silberpfeile aufzunehmen. Der damaligen Teamchefin Claire Williams machte Russell schon 2018 – ein Jahr vor seinem Formel-1-Einstieg - in einer Power-Point-Präsentation klar, warum er der richtige Mann für Williams sei. Weil Weltmeister Lewis Hamilton das Coronavirus heimgesucht hat, darf Russell beim Sakhir-GP (Samstag und Sonntag, live bei RTL und online auf TVNOW) jetzt im Mercedes mit dem Gasfuß Eigenwerbung machen – nur übertreiben ist verboten.

Russell will es den Mercedes-Bossen zeigen

"Das ist für Russell die Chance, sich zu zeigen und sich für 2020 zu platzieren, das wird sein Ziel sein", sagt RTL-Experte Timo Glock zu dem unverhofften Wüsten-Einsatz des Engländers: "Wenn er es schafft, auf Augenhöhe mit Bottas zu sein, hat er schon viel erreicht. Wenn er ihn sogar schlägt, wäre es die absolute Empfehlung. Dann wird es für Mercedes oder auch andere Teams immer schwerer, ihn nicht auf dem Zettel zu haben für 2022. Die Chance muss er nutzen."

Auf der Insel sehen die meisten F1-Beobachter Russell sowieso als logischen Mercedes-Piloten. Im Sommer kritisierten nicht wenige Fachblätter die Mercedes-Entscheidung, auch 2021 auf den doch eher farblosen Valtteri Bottas zu setzen. Tenor: Mercedes ist eh so dominant – warum also nicht dem talentierten Absolventen des eigenen Juniorprogramms eine Chance geben, Hamilton Beine zu machen? Worin liegt das Risiko?

Glock warnt: Nur nicht übertreiben

In Bahrain kann Russell jetzt zeigen, dass er für Mercedes die bessere Wahl (gewesen) wäre, als Hamilton-Adjutant Bottas. Ob der etatmäßige Williams-Mann dem Vize-Weltmeister bei seinem Silberpfeil-Debüt direkt eine auf die Mütze gibt, sei allerdings "schwer zu sagen", so Glock. Er traue Russell aber ohne weiteres zu, sofort auf Bottas-Niveau unterwegs zu sein.

Russell haben den Vorteil, dass er als Mercedes-Testfahrer die "Grund-DNA" des Autos kenne. "Er kennt die Grundabläufe des Autos, er weiß, was er am Lenkrad zu tun hat, wie er gewisse Dinge einstellen muss", erläutert Glock. "Dazu kommt die Motivation, im absolut besten Auto zu zeigen, was man drauf hat."

Russell dürfe bei all dem nur nicht übertreiben, warnt der RTL-Experte. "Am schlimmsten wäre es, wenn er das Auto im 1. Training gleich zerlegt. Er darf das Auto nicht überfahren und bloß keinen unnötigen Unfall verursachen, nur, weil er denkt: 'Boah, mit diesem Auto ist ja alles möglich'. Wenn so ein perfekt ausbalanciertes Auto einmal die Balance verliert, dann verliert man es eben."

"Unheimlich hoher Grundspeed"

Russell habe "genügend Erfahrung, um zu wissen, wie er das angehen muss", ist Glock sicher. "Auch wenn er schon Fehler gemacht hat, wie in Imola, wo er sich mit kalten Reifen weggedreht hat."

Überhaupt ist Glock von Russells Leistungen in der Formel 1 sehr angetan. Dessen Qualifying-Bilanz von 36:0 im Duell gegen seine Williams-Kollegen Robert Kubica und Nicholas Latifi sei "eine Ansage". Russell hole "oft das Maximum aus seinem Paket heraus. Er hat einen unheimlich hohen Grundspeed, ist clever, ruhig und lässt sich gefühlt nicht von seinem Weg abbringen."

Gute Voraussetzungen also, sich für 2022 bei Mercedes ins Spiel zu bringen. Und wer weiß: Vielleicht könnte Rohdiamant Russell seinem arrivierten Landsmann Hamilton dann ja zeigen, wo der jugendliche Hammer hängt. "Hammertime" – nur mal anders.