Massiver Anstieg bei Frauen und Mädchen

In Berliner Kliniken immer mehr Genitalverstümmelungen behandelt

In Berlin sind Diagnosen von Genitalverstümmelungen zuletzt stark angestiegen
In Berlin sind Diagnosen von Genitalverstümmelungen zuletzt stark angestiegen
© dpa, Wolfram Kastl, wok fpt tba fux

08. Mai 2020 - 14:33 Uhr

Genitalverstümmelung: 176 Fälle von 2018 bis September 2019

Die Zahl der Mädchen und Frauen, die wegen Genitalverstümmelungen in Berliner Krankenhäusern behandelt wurden, ist in den vergangenen beiden Jahren massiv gestiegen. Von 2018 bis September 2019 wurde in 176 Fällen von Krankenhäusern eine Genitalverstümmelung als Hauptdiagnose festgestellt, wie der Senat auf eine Anfrage der AfD antwortete. Die Antwort liegt der Deutschen Presse-Agentur vor. Im Jahr 2016 gab es nur zwölf entsprechende Diagnosen bei Frauen, 2017 waren es nur sechs. Das letzte Quartal 2019 wurde noch nicht ausgewertet. Auch mögliche Behandlungen in Arztpraxen sind in den Zahlen nicht enthalten.

Hier finden Sie die wichtigsten Anlaufstellen bei Gewalt gegen Frauen.

In Deutschland mindestens 47.000 Frauen betroffen

Der Senat geht davon aus, dass die steigenden Fälle von Genitalverstümmelung mit der Einwanderung vor allem aus afrikanischen und einigen arabischen Ländern zusammenhängt. "Aufgrund der Zuwanderung aus Gebieten, in denen die Praxis der Genitalverstümmelung stark verbreitet ist, wird davon ausgegangen, dass ein zunehmender Bedarf an Beratung, Aufklärung und medizinischer Versorgung besteht." Der "Brauch", die Geschlechtsorgane von Mädchen zu "beschneiden", ist in einigen Regionen der Welt verbreitet.

In einer von der Bundesregierung veranlassten Analyse, die der Senat zitierte, wird die Zahl der in Deutschland lebenden betroffenen Frauen demnach auf mindestens 47.000 geschätzt (Stand 2016). Zudem soll es zwischen 1.500 und 5.600 bedrohte Mädchen geben, die vor allem in Großstädten wie Berlin leben.

Geplant sei daher in Berlin eine Koordinierungsstelle, die noch bis zu diesem Sommer eingerichtet werden soll, hieß es in der Antwort. Dabei gehe es um den Ausbau der Aufklärungs- und Beratungsangebote sowie der medizinischen Versorgung verstümmelter Frauen. Zudem sollen Fachkräfte wie Erzieher und Lehrer, die Kontakt zu betroffenen und bedrohten Mädchen haben, geschult werden. So soll das Bewusstsein für die Wichtigkeit der körperlichen Unversehrtheit in den Gruppen der Einwanderer und bei den betroffenen Frauen gestärkt werden. So könne die Zahl der gefährdeten Mädchen und Frauen gesenkt werden, hofft der Senat.

AfD fordert bessere Datenlage

Die AfD-Abgeordnete Jeannette Auricht forderte dringend eine bessere Datenlage. "Wie soll den Betroffenen geholfen werden, wenn die Zahlen ausschließlich geschätzt werden?", kritisierte sie. Nötig sei eine gezielte Präventionsarbeit mit den Tätergruppen und verpflichtende Untersuchungen bei Kindern.

Weibliche Genitalverstümmelung ist in Deutschland verboten und strafbar. Seit 2015 gilt das auch für Beschneidungen von Mädchen im Ausland. Laut der Frauenrechtsorganisation "Terre des Femmes" werden Beschneidungen in manchen Fällen bei Reisen in die Heimat oder in andere EU-Länder wie Frankreich vorgenommen. Weltweit leben laut Unicef 200 Millionen beschnittene Mädchen und Frauen.