Wohnungslose werden oft übersehen, sind aber ständig präsent

Geister der Großstadt - unterwegs mit Obdachlosenhelfern in Köln

3. Juli 2019 - 10:57 Uhr

Wie ergeht es den Menschen, die draußen sein müssen, weil sie kein Zuhause haben?

Obdachlose werden gerne und leicht übersehen. Gerade in Millionenstädten wie Köln. Die Privatinitiative "Straßenwächter" kümmert sich tagtäglich um die Obdachlosen der Rheinmetropole. Unser Reporter war einen Tag lang mit den ehrenamtlichen Helfern unterwegs.

Von Finn Tönjes

Eistee in verschiedenen Sorten mit ihren farbenfrohen Designs, Hosen, Shirts in verschiedenen dunklen Farben und auch ein Paar Schuhe liegen bereit. Alles verteilt auf zwei roten Bollerwägen. Die  Kleidungsstücke sind getragen, mehrfach gebraucht aber trotzdem noch akzeptabel. Dazu ein 60-Liter-Tank voller Wasser auf einem gelben Transportkarren. Dazu Chips-Tüten, Deos, Schreibblöcke und Stifte. Einzig und allein die grauen Transportkästen in den roten Bollerwägen sind noch leer. In ihnen liegen nur braune, leere Brottüten.

Das Wetter an diesem Tag ist gut, 20 Grad, kaum Wolken am Himmel. Ein leichter Wind weht. Viele Menschen genießen das gute Wetter draußen in Cafés und Bars. Aber wie ergeht es den Menschen, die draußen sein müssen - ob sie wollen oder nicht? Weil sie keinen Ort haben, den sie als Heim bezeichnen können. Das ist das Los von Menschen ohne festen Wohnsitz, kurzum: Obdachlose. Sie leben mitten unter uns, dennoch übersehen sie viele Menschen. Eine Gruppe von ehrenamtlichen Freiwilligen schaut genau hin – die "Straßenwächter". Sie versorgen täglich Obdachlose mit Lebensmitteln und Kleidung. Wir haben die ehrenamtlichen Helfer begleitet.

Im Video sehen Sie, welche Herausforderungen die Straßenwächter tagtäglich bewältigen müssen!

Dennis Bucek gründete die Initiative

Dennis Bucek von der Initiative „Straßenwächter"
Dennis Bucek hat die Initiative „Straßenwächter" gegründet. Er ist regelmäßig unterwegs, um Obdachlose zu versorgen.
© RTL.de

Es ist unklar, wie viele Menschen in Köln auf der Straße leben. Die Stadt erhebt keine genauen Zahlen. Aber sie geht davon aus, dass es ungefähr 200 Menschen sind. Die Zahl der wohnungslosen Personen, die bei Fachberatungsstellen als solche anerkannt oder anderweitig untergebracht sind, liegt wiederrum bei rund 6.000 Menschen (Stand Juni 2017). Männer sind deutlich häufiger von Wohnungslosigkeit betroffen als Frauen.

Die Straßenwächter haben sich die Menschen auf der Straße zur Aufgabe gemacht. Dennis Bucek hat die Initiative gegründet. Seit Ende 2005 zieht sie los - immer vollbepackt mit Lebensmitteln und Klamotten. Alles begann mit Dennis' Arbeit als Servicekraft in einer Bar. Vor dem Lokal traf er immer dieselben Obdachlosen, die sich diesen Platz als neue Heimat ausgesucht hatten. "Irgendwann sprichst du auch mal mit denen, bringst denen was zu essen mit. Irgendwann kennst du deine Pappenheimer", sagt er schmunzelnd. Mittlerweile sind seine Pappenheimer viele der Obdachlosen Kölns.

Die Tour beginnt

Bevor die Tour losgeht: Noch einmal checken, ob alles verstaut ist. Heute ziehen sie zu viert durch Kölns Innenstadt, sprechen mit Obdachlosen, bieten Hilfe an. Sie tragen weiße Westen mit dem Logo der Initiative auf dem Rücken. Die roten Bollerwagen und der gelbe Transportkarren stehen bereit. Dann treten sie auf die Straße – und ein normaler Tag im Ehrenamt bei den Straßenwächtern beginnt.

Wenn Sie die Straßenwächter in Aktion erleben möchten, starten Sie das Video!

Rund 25 Tonnen Lebensmittel verteilen die „Straßenwächter" im Jahr

Nach 10 Minuten der erste Stopp. Eine Bäckerei-Kette spendet Essen, das sie nicht mehr verkauft hat. Belegte Brötchen, Hörnchen - was ein Backshop eben anbietet. Jetzt schlägt die Stunde der grauen Transportkästen. Rund 25 Tonnen Lebensmittel verteilen die Straßenwächter in einem Jahr.

In regelmäßigen Abständen kommen Obdachlose auf die Straßenwächter zu. Berührungsängste gibt es beim Ehrenamt nicht. Es wird verteilt, geplaudert, abgeklatscht und weiter geht's. Es ist anstrengend, doch das lassen sich die Helfer nicht anmerken. Vielleicht sind es die zahllosen Komplimente, die sie von vorbeilaufenden Passanten bekommen. Oder die Dankbarkeit der Obdachlosen. Das ist das, was die Ehrenamtlichen um Dennis täglich antreibt. "Das ist die Dankbarkeit. Das ist das positive Feedback der Leute, es ist die Herzenswärme."

Das positive Feedback reicht von netten Worten bis zu Umarmungen und Freudentränen – die Straßenwächter haben schon vieles erlebt. Unangenehm ist ihnen die Dankbarkeit absolut nicht. "Nee, das ist menschlich", sagt er und fügt lachend an: "solang sie mich nicht beißen, ist doch alles gut."

Katzenwäsche auf der Straße

Obdachlose in Köln
Wasser zum Trinken - und auch zum Waschen für die Obdachlosen von Köln.
© RTL.de

Der nächste Streckenabschnitt führt durch die Einkaufsmeilen. Dort treffen die Straßenwächter auf ein junges Pärchen. Er spielt sitzend auf einer dunkelgrünen Gitarre, sie liest oder hört ihrem Freund einfach nur zu. Neben einem beschriebenen Schild, auf dem sie um Spenden bitten, liegen ein brauner Teddybär und ein Lebkuchenherz mit der Beschriftung "Ich liebe dich". Sie feiern am nächsten Tag ihr Zweijähriges, erzählt der Mann mit dem dichten schwarzen Bart und ungewaschenen dunklen Haaren.

Keiner der Straßenwächter kennt die beiden. Dennoch machen sie ihnen ein verfrühtes Geschenk zum Zweijährigen: Wasser zum Trinken - und auch zum Waschen. Die junge Frau springt zu einer der vielen herumliegenden Taschen und kramt ein weißes Stück Seife hervor. Das graue Stirnband, das ihre blonden Haare zurückhält, legt sie ab. Genau wie ihr hochgerempeltes, kariertes Shirt. Ihre Arme sind gezeichnet von aber dutzenden, hellen Narben.

Sergej unterscheidet sich von anderen Obdachlosen

Auf dem Boden sitzend lassen beide ihre Hände mit Wasser volllaufen und reinigen sich ihr Gesicht. Mühsam rubbeln sie sich den schwarzen Schmutz von den Fingern. Unzählige Passanten laufen an ihnen vorbei. Einige gucken verwundert und interessiert, andere geben sich Mühe, die Beiden zu ignorieren.

Danach treffen die Straßenwächter auf Sergej. Er unterscheidet sich von anderen Obdachlosen: Seine Hände sind gepflegt, kein Dreck unter den Fingernägeln, das weiße Shirt und die blaue Hose unversehrt. Seine mittellangen, dunkelblonden Haare hat er streng nach hinten gekämmt. Er und Dennis kennen sich seit zwei Jahren. So lange lebt Sergej auf der Straße. "Es ist schwer, weil du kein Dach über dem Kopf hast, keinen Freiraum", spricht er mit osteuropäischem Akzent. Früher hatte er einen festen Job, lebte in einer Wohnung mit seiner Freundin. "Ich habe alles gehabt", resümiert er.

Wie es dazu kam, dass Sergej auf der Straße landete, erfahren Sie oben im Video!

Erst war der Job weg, dann das Zuhause

Seitdem er aus der Wohnung ausgezogen ist, schlägt er sich auf den Straßen Kölns durch. Zu Dennis hat er "ein gutes Verhältnis", wie er sagt. Die Straßenwächter unterstützen ihn "mit Klamotten, mit Trinken, mit Essen".

Wo Sergej in dieser Nacht schlafen wird, weiß er noch nicht. "Es ist immer unterschiedlich", sagt er. Als er das sagt, wirkt Sergej trotzdem kämpferisch. Er hat sich nicht aufgegeben. "Ich habe die Hoffnung, dass ich so schnell wie möglich rauskomme und wieder ein normales Leben führen kann", merkt er an. Die Erfahrung, auf der Straße zu leben sei einerseits negativ aber auch positiv findet er. "Wenn ich von der Straße weg bin, weiß ich, was ich nicht mehr machen werde" sagt er abschließend.

Der Tag endet - erschöpft aber erfolgreich

Straßenwächter Köln
Die „Straßenwächter" - eine Initiative, die beflügelt.
© RTL.de

Schließlich endet die Tour. Für heute. Mit der Bahn geht's zurück zum Lager, um die roten Bollerwagen und den gelben Transportkarren zu verstauen. Die Fahrgäste müssen zusammenrücken, als die Straßenwächter mit ihren Karren einsteigen. Das Fazit: Sie konnten das gesamte Essen verteilen und auch der 60-Liter-Wassertank ist spürbar leichter geworden.

Am folgenden Tag steht wieder eine Tour an. Unterschiedliche Helfer, aber wohl dieselben Gesichter auf der Straße. Dennis kennt zahlreiche von ihnen. Doch er möchte sich zurückziehen. Mittlerweile bestehen die Straßenwächter aus so vielen freiwilligen Helfern, dass eine eigene Verwaltung hermuss, demnächst wird die Initiative zum eingetragenen Verein. Das alles entlastet Dennis und zeigt, wie viel dieses Ehrenamt den Menschen bedeutet. Nicht nur denen, die auf der Straße (über-)leben müssen.

Sie wollen die Straßenwächter mit einer Spende unterstützen? Diese können Sie via PayPal an strassenwaechter@web.de entrichten oder Sachspenden senden an: Privatinitiative Straßenwächter, Hauptstraße 86 a, 51143 Köln. Sie können mit den Straßenwächtern auch über Facebook Kontakt aufnehmen.