Kulturgut für alle, nicht für politische Meinungsmache

Gegen den Einzug von Rechtsextremen: Mini-Gemeinde kauft Schloss

Schloss Reinsberg
© DPA, dpa

27. Juli 2020 - 13:58 Uhr

von Luisa Graf

Die Kleinstgemeinde Reinsberg in Mittelsachen, Nähe Dresden, mit 2.800 Einwohnern ist seit dem 1. Mai 2020 Besitzerin des dortigen Schlosses. Ein Herrensitz mit millionenschwerem Sanierungsbedarf, der Kauf abgesegnet durch den Gemeinderat. Kostenpunkt: eine halbe Million Euro. Das Schloss sei "Kulturgut" und müsse für die Allgemeinheit erhalten und zugänglich gemacht werden. Der ursprüngliche Käufer hatte genau das Gegenteil vor: Hier wollte die rechtsextreme Identitäre Bewegung ein Schulungszentrum aufbauen...

Schloss sollte Schulungszentrum für rechtes Gedankengut werden

Die letzte Sanierung des Schlosses fand 1989 statt. Es hat 60 Zimmer auf 3.000 Quadratmeter, einen Burggraben, zwei Brücken und zwei Eingangstore. Zu DDR-Zeiten war das Schloss ein Ferienheim, später ein Hotel. Nach der Wende war es in Privatbesitz. Seit fast 30 Jahren gab es keine größeren Renovierungs- oder Erhaltungsmaßnahmen. Das Schloss lag im Dornröschenschlaf, bis ein Interessent, ein Software- und Immobilienunternehmer, das Objekt kaufen und an Aktivisten der Identitären Bewegung vermieten wollte.

Die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Identitäre Bewegung wollte auf Schloss Reinsberg eine Wohngemeinschaft mit Schulungszentrum für ihre bundesweit 600 Mitglieder errichten. Um ihre Ideologien weiterzugeben und eine Anlaufstelle und einen Veranstaltungsort für "patriotische Strukturen" zu schaffen. Die völkisch orientierte Bewegung wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Das Ziel: einen modernisierten Rechtsextremismus in Deutschland zu etablieren.

Doch die Gemeinde Reinsberg schritt ein, auch wenn offiziell niemand sagt, dass die politische Farbe des möglichen neuen Schlossherren das Problem war. Mithilfe des Vorkaufsrechts ging das Schloss in die Hand der Gemeinde über.

"Eine solche Polarisierung hätte die Kleinstgemeinde nicht ausgehalten"

In einer Pressemitteilung der Gemeinde heißt es, man habe das gefährdete Kulturdenkmal übernommen - "nachdem alle privaten Eigentümer der letzten 25 Jahre viel versprochen, aber nichts umgesetzt [...] haben". Damit könnten nun dringende Sofortmaßnahmen veranlasst und eine Nutzungskonzeption realisiert werden. Ziel sei es, das Schloss zumindest teilweise wieder der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Identitäre Bewegung wird nicht erwähnt, doch in Gesprächen mit RTL wird klar, dass den Beteiligten bewusst ist, dass dieser Schritt Reinsberg auch davor bewahrt hat, ein rechtes Zentrum zu werden. Vom Verein "Kulturerbe Reinsberg" ist zu hören: "Eine solche Polarisierung hätte die Kleinstgemeinde nicht ausgehalten" und "eine solche Nutzung widerspricht dem Gedanken, das Schloss für alle nutzbar zu machen."

Schloss soll wieder verkauft werden

Laut dem Verein "Kulturerbe Reinsberg", der sich schon seit 2014 für die Erhaltung des Schlosses stark macht und seine Expertise auch dem Gemeinderat zur Verfügung stellt, soll das Schloss wieder verkauft werden. Allerdings unter dem Auge des Gemeinderates. Ein potentieller Kaufinteressent müsse sich an die Vorgaben des Denkmalschutzes halten, aber eben auch an die Bedingung der Gemeinde, eine teilweise öffentliche Nutzung zu gewährleisten.

Vorstellbar wäre zum Beispiel, das Schloss in Teilen als Museum für die Geschichte der Region zu nutzen. Dazu eine Ausbildungs- oder Begegnungsstätte für alle. Eventuell werden in einem Teil des Schlosses auch Privatwohnungen entstehen. Noch ist allerdings "nichts in Sack und Tüten". Klar ist aber, das Schloss Reinsberg wird nur an jemanden verkauft werden, der den Mehrwert für die Region und deren Besucher im Blick hat. Und für alle offen ist.

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