Gefahr aus dem Weltall: Europa baut Asteroiden-Warnsystem aus

Im Februar riss ein Meteoriteneinschlag in Russland ein acht Meter tiefes Loch und versetzte die Menschen in Tscheljabinsk in Angst und Schrecken.
Im Februar riss ein Meteoriteneinschlag in Russland ein acht Meter tiefes Loch und versetzte die Menschen in Tscheljabinsk in Angst und Schrecken.
© dpa, Sergei Ilnitsky

22. Mai 2013 - 17:35 Uhr

Fast 10.000 bekannte Asteroiden sind "erdnahe Objekte"

Der Meteoriteneinschlag in Russland im Februar hat etwa 1.500 Menschen verletzt, große Schlagzeilen und nicht nur den Russen viel Angst gemacht. Europa baut jetzt sein Warnsystem aus, um gefährliche Himmelskörper mit Kollisionskurs auf die Erde ganz früh zu erkennen. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, und am Ende hilft möglicherweise nur die Atombombe im All, um die Erde vor weitgehender Zerstörung zu bewahren.

Die Zeit ist der alles entscheidende Faktor. Droht ein gefährlicher Asteroid tatsächlich mit unserem Planeten zusammenzustoßen, muss seine Flugbahn ganz schnell berechnet und danach gehandelt werden. Fast 10.000 bekannte Asteroiden oder Kometen sind "erdnahe Objekte" – ein Bruchteil aller Himmelskörper mit Umlaufbahnen um die Sonne. Europas Weltraumorganisation ESA baut jetzt ihre Warnsysteme aus, um in Quasi-Echtzeit wichtige Daten über die Bewegungen in unserem Sonnensystem liefern zu können. Am ESA-Standort in Frascati südlich von Rom laufen im 'Koordinierungszentrum für erdnahe Objekte' alle Informationen zusammen, aus denen die Experten auf mögliche Gefahren aus dem Weltall schließen können. Moderne Teleskoptechnologie mit neuen Sensoren soll durch eine ständige Himmelsbeobachtung vor noch unbekannten Objekten warnen.

"Es ist das Allerwichtigste überhaupt, die Asteroiden so früh wie möglich zu erkennen, um ihre Bahn bestimmen zu können", erläutert der Projektleiter des Koordinationszentrums für erdnahe Objekte (NEOCC), Detlef Koschny. "Was in Frascati jetzt gebündelt und kombiniert wird, ist ein erster Schritt hin zu einem europäischen System." Koschny verweist darauf, dass vor allem wichtige astronomische Auswertungen der Universität Pisa so wie auch die Daten anderer Systeme und Sensoren zusammengefasst werden. Der Warndienst soll so verbessert, Zeit im Wettlauf mit Asteroiden gewonnen werden.

Am Ende hilft möglicherweise nur die Atombombe im All

Der deutsche Ex-Astronaut Thomas Reiter, heute ESA-Direktor für bemannte Raumfahrt und Betrieb, stimmte bei der Eröffnung des neuen Zentrums auf das "Aufspüren von Gefahren aus dem Weltraum" ein. Für die raschere Erkennung von Asteroiden soll vor allem ein neues Teleskop eingesetzt werden, das mit einem sehr weiten Spektrum ständig das Sonnensystem absucht. Zehn Millionen Euro sind verplant, um das 'Survey Telescope' bis 2016 zu errichten.

Neun von zehn der wirklich großen und damit ganz gefährlichen Himmelskörper in einer Bahn nahe der Erde sind den Astronomen schon bekannt. Bei einem Durchmesser von mehr als einem Kilometer würden sie nach ihrem gewaltigen Aufschlag ungeheuren Schaden auf der Erde anrichten. "Das ist unser Stand bei jenen Objekten, die groß genug sind", sagt Wissenschaftler Koschny. "Für kleinere Objekte von 100 bis 200 Metern Durchmesser stehen wir leider noch nicht so gut da." Nur wenige Prozent dieser Himmelskörper seien bekannt, so dass man ihre Bahn berechnen könne. Aber schon der Einschlag eines kleinen Meteoriten im Meer kann beispielsweise einen verheerenden Tsunami auslösen.

Die Registrierung der herumschwirrenden Himmelsbrocken soll also nun voranschreiten. Was aber tun, wenn - immer rechtzeitiger erkannt - Gefahr aus dem Weltall droht? "Wenn der Asteroid kleiner ist als 100 Meter, dann rennt man weg, dann ist Evakuierung angesagt", erläutert der Fachmann. Bei den größeren sei es wichtig, sie ein paar Jahre eher geortet zu haben, damit das geeignete Abwehrmodell ausgewählt werden kann.

Um einen auf die Erde zusteuernden Asteroiden von seinem Kollisionskurs abzubringen, könnte man etwa mit einer Raumsonde einen "Auffahrunfall" im Weltall verursachen und ihn so ablenken. Möglich ist es auch, das einzusetzen, was man den "Gravitationstraktor" nennt: Die Sonde begleitet jahrelang einen Himmelskörper, wobei sie ihn nach und nach mit ihrer Anziehungskraft von seiner bedrohlichen Bahn abbringt.

"Ich bin zuversichtlich, dass wir die großen Asteroiden Jahre vorher und damit rechtzeitig erkennen", sagt der Projektleiter des neuen Koordinierungszentrums in den Bergen von Frascati. Und wenn nicht? Eine letzte Möglichkeit bliebe immer noch, nämlich, den Himmelsbrocken mit einer nuklearen Explosion aus seiner Bahn zu werfen. Der Einsatz von Atombomben im All ist nicht unumstritten – aber womöglich eines Tages die einzige Chance, den Planeten Erde vor weitgehender Zerstörung zu bewahren.