Medienberichte über schwere Nebenwirkungen durch Cytotec

Todesfälle durch umstrittenes Medikament in der Geburtshilfe?

Eine Hebamme vor dem Kreißsaal
Eine Frau steht vor einem Kreißsaal in einem Klinikum. Foto: Britta Pedersen/Archiv
deutsche presse agentur

Deutsche Kliniken verwenden Cytotec offenbar viel zu oft - trotz bekannter Komplikationen

Cytotec - ein Medikament, das in Deutschland offenbar viel zu oft und zu leichtfertig verabreicht wird. Das Magenschutzmittel wird laut einer Umfrage der Universität Lübeck von jeder zweiten deutschen Klinik zur Einleitung von Wehen verwendet, obwohl es dafür gar nicht zugelassen ist. Das geht aus einer Recherche der " Süddeutschen Zeitung" und des "Bayerischen Rundfunks" hervor. Laut der Berichte kann es durch das Medikament zu schweren Komplikationen bei der Geburt kommen: Frauen seien nach einem Gebärmutterriss gestorben, Kinder seien mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen oder ebenfalls gestorben.

Medienberichte: Mehrere tote Frauen und Babys durch Cytotec

In Einzelfällen seien nach der Gabe von Cytotec schwere Gehirnschäden wegen einer Sauerstoffunterversorgung des Kindes aufgetreten, heißt es in den Medienberichten. In seltenen Fällen sei die Gebärmutter der Frauen gerissen, daraufhin seien die Frauen gestorben. Mehrere Babys in Deutschland und Frankreich seien laut Gutachten, Fallberichten und Gerichtsurteilen gestorben.

Cytotec ist für die Geburtshilfe gar nicht zugelassen

Cytotec ist in Deutschland nur als Magenmedikament zugelassen. Im Rahmen der Therapiefreiheit können Ärzte die Tablette aber auch als Wehenauslöser einsetzen, wenn eine Schwangere vorher zustimmt. Eine optimale Dosis sei allerdings nie festgelegt worden, weil das Medikament nie eine Zulassungsstudie für die Geburtseinleitung durchlaufen habe, heißt es in dem Bericht von Süddeutscher Zeitung und Bayerischem Rundfunk. Ärzte stützten sich auf Erfahrungswerte und Anwendungsbeobachtungen.

Amerikanische und französische Behörden warnen aber vor dem Medikament, weil es zu starke Nebenwirkungen habe. Der Medikamentenhersteller Pfizer nahm das Medikament laut des Berichts schon 2006 vom deutschen Markt, weil es zu oft "außerhalb des vorgesehenen Anwendungsbereichs" verwendet wurde.

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Cytotec: Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe sind Risiken bekannt

Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) bestätigte, dass Risiken bekannt seien, wenn das Medikament Cytotec außerhalb des durch die Arzneimittelbehörden zugelassenen Gebrauchs verordnet werde. Die Anwendung werde aber unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weiter empfohlen.

Neugeborenes starb vier Tage nach Geburt

Dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) lagen bis Ende Oktober 2019 insgesamt 74 Verdachtsmeldungen unerwünschter Arzneimittelwirkungen im Zusammenhang mit Cytotec bei der Geburtseinleitung vor, wie Sprecher Maik Pommer der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. Darunter sei ein Todesfall: Ein Neugeborenes sei vier Tage nach der Geburt durch eine Lungenblutung gestorben. Die Mutter hatte Cytotec und eine weiteres Präparat (Misodel) zur Geburtseinleitung erhalten.

Für Angehörige der Heilberufe ist bei solchen Todesfällen allerdings eine Meldepflicht nach den Regelungen des Arzneimittelgesetzes nicht vorgesehen. Die Zahlen könnten also auch höher liegen als dem BfArM bekannt. Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe gibt es Alternativen zu Cytotec.