Gauck-Grundsatzrede zu Europa: "Wir Europäer haben keinen Gründungsmythos"

06. April 2013 - 10:04 Uhr

Bundespräsident lobt die europäische Idee, sieht aber Klärungsbedarf

Es war der bisherige Höhepunkt in der knapp einjährigen Amtszeit des Bundespräsidenten: Joachim Gauck hat seine erste Grundsatzrede zum Thema Europa gehalten. 200 geladene Gäste durften zuhören, zudem wurde die Rede live im Fernsehen übertagen.

Bundespräsident Joachim Gauck
Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner Grundsatzrede Verständnis für die verbreitete Kritik an der Europäischen Union geäußert.
© dpa, Wolfgang Kumm

"So viel Europa war nie", mit diesen Worten begann das Staatsoberhaupt seine mit Spannung erwartete Rede. Meistens werde es auf vier Buchstaben reduziert: "Euro". Viele Menschen befürchteten, zu "Zahlmeistern der Krise" zu werden. Auch der "Verdruss über die Brüsseler Technokraten" sei vielen Menschen ein Dorn im Auge. Er äußerte große Sorge über die Krise, die schon lange keine "ausschließlich ökonomische" mehr sei. "Es gibt Klärungsbedarf in Europa, angesichts der Zeichen von Ungeduld, Erschöpfung und Frustration unter den Bürgern", sagte Gauck. Er sei zwar bekennender Europäer, aber das europäische Projekt müsse aber neu und kritischer betrachtet werden.

Den Satz bei seiner Amtseinführung, "wir wollen mehr Europa wagen", würde er heute so euphorisch nicht mehr sagen, bekannte Gauck. Dennoch sei er überzeugt, dass kein Weg an einer noch engeren Zusammenarbeit in der EU vorbei gehe. "Wir brauchen eine weitere innere Vereinheitlichung", sagte er. "Denn ohne gemeinsame Finanz- und Wirtschaftspolitik kann eine gemeinsame Währung nur schwer überleben."

Den 500 Millionen EU-Bürgern fehle allerdings eine gemeinsame Erzählung für ihre europäische Identität, räumte Gauck ein. "Wir Europäer haben bis heute keinen Gründungsmythos nach Art einer Entscheidungsschlacht, in der Europa einem Feind gegenübertreten, siegen oder verlieren, aber jedenfalls seine Identität bewahren konnte." Die eine europäische Identität gibt es nicht, sagte er. Europa sei aber durch gemeinsame Werte identitätsstiftend. "Frieden, Freiheit, Menschenrechte, Toleranz und Solidarität" seien europäische Werte.

Eindringlicher Appell: Briten sollen in der EU bleiben

Das Thema Identität sei vielschichtig, "Wenn wir draußen in der weiten Welt sind, empfinden wir uns als Europäer. Wenn wir in Europa sind, empfinden wir uns als Deutsche. Und wenn wir in Deutschland sind, dann empfinden wir ins eben als Sachsen", so Gauck.

Entschieden wies er Ängste vor einer Vormachtstellung Deutschlands in Europa zurück. "Ich versichere allen Bürgerinnen und Bürgern in Europa: Ich sehe unter den politischen Gestaltern in Deutschland niemanden, der ein deutsches Diktat anstreben würde", sagte der Bundespräsident. "Wir wollen andere nicht einschüchtern, ihnen auch nicht unsere Konzepte aufdrücken." Die Deutschen stünden aber zu ihren Erfahrungen und wollten sie gern vermitteln. Vor weniger als zehn Jahren habe die Bundesrepublik schließlich selbst noch als kranker Mann Europas gegolten.

Ausdrücklich appellierte Gauck an die Briten, in der EU zu bleiben. "Liebe Engländer, Schotten, Waliser, Nordiren und britische Neubürger! Wir möchten euch weiter dabei haben", sagte er. Zugleich empfahl Gauck Englisch als gemeinsame Verständigungssprache der Europäer, die daneben aber weiter ihre Muttersprachen pflegen sollten.

Die Rede war Auftakt zu einer Serie von Veranstaltungen, mit der Gauck gesellschaftliche und politische Themen anstoßen und voranbringen will.