Gauck besucht Kölner Keupstraße: "Dankbar, dass Sie nicht weggegangen sind"

09. Juni 2014 - 20:44 Uhr

Bundespräsident eröffnet antirassistische Kundgebung

Bundespräsident Joachim Gauck hat am zehnten Jahrestag des von der Neonazizelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) verübten Nagelbombenanschlags die Kölner Keupstraße besucht. Er traf unter anderem den Frisör Özcan Yildirim, vor dessen Salon die Bombe am 9. Juni 2004 explodiert war. "Ich bin Ihnen dankbar, dass Sie nicht weggegangen sind", sagte Gauck. Anschließend unterhielt er sich in einem Restaurant unter Ausschluss der Medien mit anderen Bewohnern der Straße.

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Da sich ihre Mannschaft nicht qualifiziert hat, wollen die Türken in Köln bei der WM dem deutschen Team die Daumen drücken.
© dpa, Henning Kaiser

Zum Auftakt einer Kundgebung in der Nähe des Anschlagsorts rief Gauck alle Demokraten dazu auf, gegen fremdenfeindliche Gewalt zusammenzustehen. Er erinnerte vor mehreren zehntausend Besuchern an den Terror des NSU und sagte: "Mehr als zehn Jahre lang haben die Mitglieder einer rechtsextremistischen Bande unerkannt rauben, morden und Anschläge wie den in der Keupstraße tätigen können." Köln beantworte den Hass der Wenigen mit dem Mitgefühl und der Solidarität der Vielen. "Heute stehen wir zusammen», so Gauck. Es gehe um ein "Land, in dem wir ohne Angst verschieden sein können". Jeder könne und müsse dazu im Alltag seinen Beitrag leisten.

Unwetterwarnung: Abschlusskundgebung vorzeitig beendet

Bei dem Anschlag vor zehn Jahren waren 22 Menschen verletzt worden, manche lebensgefährlich. Die Polizei glaubte lange nicht an einen terroristischen Hintergrund und verdächtigte stattdessen teilweise die Anwohner. Erst Ende 2011 wurde deutlich, dass wohl auch dieser Anschlag von der NSU verübt worden war.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) beklagte bei einer Podiumsdiskussion in Köln massive Defizite in den Sicherheitsbehörden. "Ich schäme mich dafür, dass der deutsche Staat es nicht geschafft hat über so viele Jahre, dafür zu sorgen, dass unbescholtene Bürgerinnen und Bürger besser geschützt wurden", sagte er. Dass die Opfer des Anschlags teils sogar kriminalisiert wurden, sei unverständlich und ein Punkt, der bis heute nicht abschließend aufgeklärt worden sei. "Da haben Viele Fehler gemacht", erklärte Maas. Es habe organisatorische und systematische Defizite in den Behörden gegeben.

Zum Gedenken an den Anschlag und als Zeichen gegen Rechts feierte Köln seit Samstag ein Fest unter dem Motto 'Birlikte - Zusammenstehen'. Die Keupstraße ist ein Zentrum des türkischen Geschäftslebens in der größten Stadt Nordrhein-Westfalens. Auf über 30 Bühnen spielte Musik, liefen Filme, wurde vorgelesen.

Eine beeindruckende Ansprache hielt Semiya Simsek, die Tochter des ersten NSU-Opfers, eines Nürnberger Blumenhändlers. "Lasst uns verhindern, dass das auch anderen Familien passiert", sagte sie und mahnte, dass sich Solidarität nicht in gemeinsamer Folklore erschöpfen dürfe: "Es bedarf nicht einer so großen Veranstaltung, um Solidarität auszudrücken. Solidarität kann immer stattfinden, sie muss immer stattfinden."

Die Abschlusskundgebung musste wegen einer Unwetterwarnung zwei Stunden früher als geplant beendet worden. Es seien Hagel und Sturmböen zu erwarten, wurde den 50.000 Besuchern mitgeteilt. Udo Lindenberg und Peter Maffay konnten nicht mehr auftreten. Lindenberg winkte den heimwärts eilenden Besuchern noch von einem Fenster aus zu.