Schlimmer Finger 007

Ganz schön übergriffig: James Bond – ein Fall für #metoo?

26. Juni 2020 - 11:28 Uhr

von Mireilla Zirpins

Der berühmte Doppelnullagent ist zwar nur eine erfundene literarische Figur, die es sehr erfolgreich auf die Kinoleinwand geschafft hat. Aber er war nicht nur für eine Generation von Männern ein Role Model. Auch Frauen schwärmten für die allesamt gut aussehenden Darsteller und sahen ihnen allerhand Übergriffigkeiten auf der Leinwand nach. Sogar sexuelle Nötigungen. Die sind Ihnen entgangen? Dann wollen wir hier mal ein bisschen aufräumen mit dem Saubermann-Image von 007.

Popoklapse, Chauvisprüche, sexuelle Nötigung

Während 007 in seinem ersten Leinwand-Abenteuer "James Bond jagt Dr. No" nur ein paar anzügliche Sprüchlein klopft, geht's in seinem zweiten Kino-Einsatz im Auftrag Ihrer Majestät gleich los mit der Gewalt gegen Frauen. Erst kriegt Tania Romanova in "Liebesgrüße aus Moskau" einen Chauvi-Klaps auf den Hintern, wenig später eine schallende Ohrfeige, wie Sie in unserem Video und unter diesem Link bei TVNOW ab Minute 01:13:10 sehen. Klar spielt sie eine Agentin, an deren Loyalität Bond zwischendurch seine Zweifel hat. Aber die Dame hat ihn schließlich nicht tätlich angegriffen.

Nein heißt Nein - für 007 offenbar nicht

Nicht zimperlich mit Pussy Galore (Honor Blackman): James Bond (Sean Connery) in "Goldfinger"
Nicht zimperlich mit Pussy Galore (Honor Blackman): James Bond (Sean Connery) in "Goldfinger"
© Imago Entertainment

Ein Ausrutscher? Nope! Klapse auf den Hintern verteilt 007 sowieso weiter, aber in "Goldfinger" hat James Bond es mit einer Dame zu tun, die auch zurückschlägt: Pilotin Pussy Galore, eine der schärfsten Waffen des Bösewichts. Bond, mittlerweile Gefangener des Schurken, will sie auf seine Seite bringen und setzt zunächst aufs Süßholzraspeln: "Sie sind eine tolle Frau." Als das nicht verfängt, wird er übergriffig und zieht Pussy gegen ihren Willen zu sich heran: "Ist es nicht üblich, einem Verurteilten seine letzte Bitte zu gewähren?" – die Mitleidsmasche zieht aber auch nicht.

Nach einem Kampf im Heuhaufen legt sich Bond auf sie und wird zudringlich, sie zeigt deutlich Widerstand und dreht den Kopf weg, als er sie küssen will. Er erzwingt's, sie gibt am Ende nach. Schnitt. Pussy gehört jetzt auf einmal zu den Guten. Die Meinungen gehen auseinander, ob das eine Vergewaltigung ist, aber als "einvernehmlich" kann man das nach #metoo nun wirklich nicht bezeichnen. Die gefühlsduselige Musikuntermalung verharmlost das Ganze auch noch. Am Ende gefällt es Pussy dann doch noch, nachdem Bond sie lange genug genötigt hat. Sie wollen sich selbst ein Bild machen? Können Sie – bei TVNOW unter diesem Link, die Szene finden Sie bei 01:22:00.

Wo sexuelle Belästigung anfängt, hat uns übrigens in einem anderen Zusammenhang in diesem RTL-Beitrag eine Anwältin erklärt.

In „Feuerball“ kriegt Bond die Krankenschwester durch Erpressung ins Bett

Schwester Molly tut es nicht ganz freiwillig mit Bond - er hat gedroht, sie bei ihrem Chef zu verpetzen.
Schwester Pat (Molly Peters) tut es zunächst nicht ganz freiwillig mit Bond (Sean Connery) - er hat gedroht, sie bei ihrem Chef zu verpetzen.
© Imago Entertainment

Nächster Film, nächste Übergriffigkeit. In "Feuerball" zwingt Bond die Physiotherapeutin im Sanatorium erst gewaltsam zu einem Kuss – und sie wehrt sich die ganze Szene lang, wie man auch in unserem Video sehen kann und im ganzen Film bei TVNOW ab Minute 00:13:30. Zum Sex erpresst er sie, indem er droht, sie bei ihrem Chef zu verpfeifen. Da fürchtet Schwester Pat um ihren Job. Schließlich hatte sie Bond aus Versehen allein auf der Streckbank gelassen, die fast zur tödlichen Falle für ihn wurde. Am Ende macht sie's gern mit Bond und ist ganz traurig als er abreist.

Selbst den „Playboy“-Redakteuren war das zu viel

Erstaunlich, womit man als Typ in den 1960er Jahren so durchkam. Weitgehend zumindest. Selbst die Redakteure des Männer-Magazins "Playboy" fanden Bonds Umgang mit den Damen 1965 "ruppig". So ruppig, dass Bond-Darsteller Sean Connery in einem Interview darauf ansprachen. "Ich glaube nicht, dass es falsch ist, eine Frau zu schlagen", gab der zurück. "Mit der flachen Hand zu schlagen, halte ich für gerechtfertigt. Aber nur, wenn alles andere gescheitert ist und nach ausreichender Warnung." Ah ja. Ob's an den paar Bierchen lag, die er mit den Reportern vom Herren-Heftchen schon gebechert hatte? Leider nicht. Seine seltsamen Ansichten wiederholte er 1987 noch mal in einer Talkshow.

Bond würgt eine Frau mit ihrem Bikinioberteil

Bei James Bond wird selbst ein BH zur Waffe - hat er natürlich ausgezogen, ohne zu fragen
Bei James Bond wird selbst ein BH zur Waffe - hat er natürlich ausgezogen, ohne zu fragen
© Imago Entertainment

Und legte 1971 in "Diamantenfieber" als 007 noch mal nach mit Handgreiflichkeiten. Da würgt er gleich in der zweiten Minute des Films, den Sie hier bei TVNOW streamen können, eine Dame mit ihrem Bikinioberteil, um eine Information aus ihr rauszupressen. Das hat er ihr natürlich ohne zu fragen ausgezogen. Mit den Worten: "Erst wollen wir mal ein bisschen auspacken." Ein typischer Bond-Chauvi-Spruch – noch mehr davon sehen Sie hier im unteren Video.

Doch nicht nur Sean Connery wurde als 007 handgreiflich

George Lazenby ist reichlich ruppig zu Diana Rigg in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät"
George Lazenby ist ruppig zu Diana Rigg in "Im Geheimdienst Ihrer Majestät"
© Imago Entertainment

Also ein Sean-Connery-Ding? Nein, auch Interims-Bond George Lazenby passt in dieses Muster. Er dreht Tracy 1969 in "Im Auftrag Ihrer Majestät" erst den Arm rum, worauf sie sich beschwert: "Sie tun mir weh." Er kontert: "Darauf kam es ihnen doch heute Abend an" und erteilt ihr kurz darauf eine schallende Ohrfeige, als sie ihm nicht direkt sagt, was er hören will (bei TVNOW gibt's den Film – die Szene beginnt bei 00:15:00). Später heiratet sie ihn. Wie's ihr in der Ehe ergangen wäre, erfahren wir nicht. Denn die Arme ist wenig später tot. Und alle anderen Damen in dem Filmabenteuer gehen freiwillig mit Bond ins Bett. Na wenigstens.

Bond platzt gern bei Damen ins Bad

Auch Roger Moore stapft in "Der Mann mit dem goldenen Colt" (im Film bei TVNOW ab 00:28:00) unangemeldet zu Maud Adams ins Bad. Die duscht zwar bewaffnet, hat aber kein Badetuch zur Hand. Er reicht ihr nach etwas Herauszögern was an, dreht ihr dann den Arm um und schlägt sie ins Gesicht, damit sie ihn zu ihrem Auftraggeber führt. Notiz für Sean Connery: mit der flachen Hand.

Bond bekommt im Film eine Chefin - und die 007-Filme eine Produzentin

Produzentin Barbara Broccoli: James Bond bleibt männlich
Daniel Craig mit Produzentin Barbara Broccoli im Jahr 2014
© Steve Vas / Featureflash/ImageCollect, SpotOn

Gut also, dass die Filme Mitte der 1990er mit Barbara Broccoli eine weibliche Produzentin bekommen. Auf einmal hat 007 eine weibliche Chefin. Und M nennt ihn in "GoldenEye" nicht umsonst einen "sexistischen frauenfeindlichen Dinosaurier". Hat er draus gelernt? Zumindest ein bisschen. Schließlich kann man Millennials und noch jüngeren Zuschauern so viel Sexismus nicht zumuten. Aufreger gibt es aber ab und zu immer noch. Zum Beispiel wenn in "Skyfall" Daniel Craig als 007 zu Bondgirl Sévérine in die Dusche steigt (wir erkennen ein Muster...). Gegenwehr gibt's diesmal nicht – aber gefragt hat er nicht, sondern schleicht sich von hinten an. Nackt. Irgendwie creepy.

Kann man die Bond-Filme jetzt noch gucken?

Kann man – und frau sowieso – die James-Bond-Filme jetzt nicht mehr gucken, zumindest die ganz alten? Es kommt drauf an.

Es ist ein bisschen wie mit "Vom Winde verweht", und das sogar abseits der aktuellen Rassismusdebatte. Fans des Films und selbst US-Feministinnen sind sich nicht einig, ob Rhett Butler den ehelichen Beischlaf mit seiner geliebten Scarlett nun erzwingt oder nicht - weil sie am nächsten Tag doch glücklich erwacht. Auch "Es war einmal in Amerika" wäre damit raus aus unserem persönlichen Filmkanon. Schließlich vergewaltigt hier Noodles seine große Liebe Deborah – in einem Film, in dem die Frauen ohnehin allesamt nur benutzt zu werden scheinen. Mit dem Blick unserer Zeit nicht wirklich leicht erträglich.

Auf der einen Seite handelt es sich um Kunstwerke. Und wenn man trotzdem eine moralische Messlatte ansetzt, ist es vermutlich wie bei der Causa Harvey Weinstein. Jede(r) entscheidet das für sich, wie er es mit der Kunst hält. Aber auch wenn Harvey Weinstein offensichtlich eine ganze Reihe von Frauen sexuell belästigt und ihnen noch mehr angetan hat, so hat er doch einen Haufen guter Filme produziert. Die kann man nun boykottieren. Man kann sie aber auch weiterhin schauen und Regisseure, Schauspieler, den Rest des Filmteams und das Produkt nicht in Sippenhaft nehmen. Nur wird man jetzt immer mitdenken, wenn man "Emma" oder "Shakespeare In Love" noch mal schaut, wie Harvey Weinstein Gwyneth Paltrow belästigt haben soll.

Und genauso können wir uns mit großem Vergnügen in chronologischer Reihenfolge die gesammelten Abenteuer von 007 bei TVNOW reinziehen, angefangen bei "James Bond jagt Dr. No". Und zucken jedes Mal zusammen, wenn 007 im Bad einer Dame begegnet und sich gar nicht wie ein Gentleman aufführt. Dann denken wir: Jungs, gucken ist ok, nachmachen nicht! Immer vorher fragen – und Nein heißt nein.