G20-Krawalle hinterlassen tiefe Spuren: Supermärkte verwüstet, Straßenzüge versinken im Chaos

08. Juli 2017 - 9:35 Uhr

"Willst du überfahren werden?"

Als die Sonne in Hamburgs Schanzenviertel aufgeht, trauen viele Anwohner ihren Augen nicht. Militante G20-Gegner haben in der Nacht ganze Straßenzüge in ein Schlachtfeld verwandelt. Die Randalierer konnten sich über Stunden austoben. Die Polizei setzte schließlich Spezialkräfte ein.

"Wir gehen jetzt konsequent gegen die Straftäter im Schulterblatt vor"

Es sieht aus wie im Bürgerkrieg. Immer wieder brennen Barrikaden, Autonome zerschlagen Fensterscheiben mit schweren Pflastersteinen, brechen in einen Drogeriemarkt und eine Filiale eines Supermarkts ein. Sie plündern den Laden, tragen alles raus, zerfetzen das Mobiliar, um es unter dem Jubel Schaulustiger auf der Straße ins Feuer zu werfen. Auch eine Sparkasse wird einfach zerlegt. In der Straße Schulterblatt rund um das autonome Zentrum Rote Flora in Hamburgs linkem Szeneviertel brennt es lichterloh. Am Himmel fliegt ein Helikopter mit Suchscheinwerfer. Während des G20-Treffens der führenden Wirtschaftsmächte lassen gewalttätige Demonstranten ihre Wut aus.

Beim Betrachten der Bilder entsteht der Eindruck, der Staat habe sein Gewaltmonopol verloren. Drei Stunden lang wüten die Randalierer, die vor allem aus dem schwarzen Block stammen. Der Boden des Supermarkts ist mit Glasscherben, Steinen und Gerümpel übersäht. Als sie einsteigen in den Supermarkt, ruft ein Autonomer: "Die Payback-Karte bitte! Alles muss raus!" Gegenüber beobachten Menschen aus Lokalen das traurige Spektakel. Die kleinen Läden in der Straße werden nicht angegriffen, nur die großen Ketten. Unter der Bahnbrücke wird eine Gruppe Polizisten eingekesselt von den Autonomen, sie sind lange auf sich allein gestellt.

Gegen Mitternacht sperrt die Polizei schließlich die Straße Schulterblatt ab, Hundertschaft um Hundertschaft marschiert hinein. "Distanziert euch deutlich von den Gewalttätern. Wir gehen jetzt konsequent gegen die Straftäter im Schulterblatt vor", schrieb die Polizei via Facebook.

Dann laufen Polizisten mit Maschinenpistolen auf. Die Nerven liegen zum Teil blank. An einem Fußübergang schreit eine Frau einen Polizisten an, weil der sie nicht über die Straße gehen lassen will. Hinter ihm passiert ein Mannschaftswagen nach dem anderen die Stelle. "Ihr habt gar nichts im Griff", pöbelt die Frau, "das kotzt mich an." Der Polizist kontert: "Willst du überfahren werden?"

Ein paar hundert Meter weiter zerschlagen Autonome auf der Straße Schulterblatt den Asphalt mit Hämmern, um sich Wurfgeschosse zu basteln. Als sie Blumenkübel für Barrikaden auf die Straße ziehen wird es einer Anwohnerin zu viel: "Ihr seid so scheiße! Ihr seid so scheiße!", brüllt sie ihnen entgegen. Gut drei Stunden lang räumt die Polizei nach den Gewaltexzessen auf. Pfefferspray fliegt in die Menge, der Mob zerstreut sich. Aus dem ersten Stock wirft ein älterer Mann den Autonomen Wasserflaschen herunter, damit die sich die Augen ausspülen können.

Wir haben noch nie so ein Ausmaß an Hass und Gewalt erlebt"

Die Hamburger Polizei zeigt sich schockiert über die Krawalle am Rande des G20-Gipfels. "Wir haben noch nie so ein Ausmaß an Hass und Gewalt erlebt", sagt Sprecher Timo Zill bei 'Bild Daily' Spezial. Ein 28 Jahre alter Demonstrant hält die Straßensperren und brennenden Barrikaden für legitim. Das sei ein Ausdruck der aufgestauten Wut. Schockiert sei er vor allem davon, "wie die Polizei hier mit einer völlig unnötigen Brutalität gegen Demonstranten vorgegangen ist". Als es ruhiger wird, sitzen Polizisten in der Schanze erschöpft auf allem, was sich als Sitzgelegenheit eignet. Die Straßen sind übersät mit Scherben und rauchenden Resten brennender Barrikaden. In der Schanze selbst hat der Mob eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Bei den gewaltsamen Protesten am Abend und in der Nacht sind nach Polizeiangaben 43 Menschen festgenommen und 96 in Gewahrsam genommen worden. 16 Polizisten seien verletzt worden, sagte ein Polizeisprecher. Seit Beginn des Polizeieinsatzes am 22. Juni wurden den Angaben zufolge damit bisher insgesamt 143 Menschen fest- und 122 in Gewahrsam genommen. Rund um den G20-Gipfel seien bisher 213 Beamte verletzt worden.