Bericht über 6500 tote Arbeiter schreckt auf

Rasenlieferant boykottiert Fußball-WM in Katar

 LUSAIL, QATAR - DECEMBER 13, 2017: The construction site of Lusail Sports Arena, Valery Sharifulin/TASS PUBLICATIONxINxGERxAUTxONLY 31756080sp
Die Bedingungen auf den Baustellen in Katar werden immer wieder heftig kritisiert.
www.imago-images.de, imago images/ITAR-TASS, Valery Sharifulin via www.imago-images.de

Bericht über Todeszahlen sorgt für Aufregung

Die Fußball-WM in Katar ist umstritten. Ein Grund: die Bedingungen für die Arbeiter an der WM-Infrastruktur. Ein Medienbericht aus England sorgt mit genannten Todeszahlen für jede Menge Aufregung. Ein niederländischer Rasen-Lieferant zieht deshalb drastische Konsequenzen.

"Wir haben gesehen, was da vor sich geht"

Es ist eine Nachricht mit reichlich Brisanz: Der niederländische Rasenspezialist „Hendriks Graszoden" kündigt an, die Weltmeisterschaft 2022 im Wüstenstaat Katar zu boykottieren, das berichtet der Deutschlandfunk mit Berufung auf den regionalen Nachrichtensender "1Limburg". Eigentlich sollte die renommierte Großgärtnerei für das Grün in einigen WM-Stadien des Wüstenstaats sorgen. Das wird nun indes nicht mehr passieren.

Aber was führte nun zum Boykott? In einem Statement erklären die Niederländer ihren Entschluss so: "Wir haben gesehen, was da vor sich geht. Wir wussten, dass bei den Arbeiten Menschen ums Leben gekommen sind, aber die Zahl hat uns enorm erschrocken." Man habe sich folglich dazu entschlossen, keinen Rasen für die Spielfelder in den Stadien zu liefern und zu verlegen.

„Hendriks Graszoden“ hat laut „1Limburg“ auch das Grün für die Sommermärchen-WM 2006 in Deutschland und die Europameisterschaften 2008 sowie 2016 geliefert. Der Rasenhersteller ist das erste Unternehmen, das einen Auftrag für die WM in Katar öffentlich mit Verweis auch auf die Menschenrechtslage ablehnt. Bei dem Unternehmen handelt es sich jedoch nicht um den einzigen Rasen-Lieferant. Katar züchtet nahe der Hauptstadt Doha in seinen eigenen "Qatar signature pitch". Fünf der acht WM-Stadien sind damit schon ausgestattet.

Infantino relativiert die Zahlen

FILE - In this Tuesday March 3, 2020 file photo, FIFA President Gianni Infantino addresses a meeting of European soccer leaders at the congress of the UEFA governing body in Amsterdam, Netherlands.  The election to lead African soccer is seeming to b
Fifa-Boss Gianni Infantino relativiert die Medienberichte über 6500 tote Arbeiter in Katar.
PDJ, AP, Peter Dejong

Nach Recherchen des englischen "Guardian" sollen seit der Turniervergabe in den vergangenen zehn Jahren mehr als 6500 Arbeiter aus fünf asiatischen Ländern sein gestorben. Die Zahlen seien aus Quellen der Regierung zusammengetragen worden. Katars Regierungspressestelle erklärte auf Anfrage, die Sterberate liege in einem Bereich, der für diese Größe und diese demografische Zusammensetzung zu erwarten sei.

Der Botschafter in Deutschland, Abdullah bin Mohammed Al Thani, erklärte daraufhin, der „Guardian“-Bericht führe die Öffentlichkeit in die Irre. Fifa-Boss Gianni Infantino mahnte zur Vorsicht, wenn über Zahlen gesprochen werde. Es gehe dabei um Menschenleben. Auf Baustellen mit direktem WM-Bezug habe es seit 2014 drei Todesfälle gegeben und 34 weitere, die nicht direkt mit der Arbeit erklärt werden könnten.

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WM-Boykott-Aufruf an den DFB

Das deutsche Fan-Bündnis "ProFans" hatte den Deutschen Fußball-Bund (DFB) bereits vor einigen Tagen zum Verzicht auf eine Teilnahme bei der WM in Katar aufgefordert. "Es gibt nichts, was es rechtfertigen könnte, die Menschenrechtsverletzungen in Katar hinzunehmen, ja, gar durch die Teilnahme am Turnier wissentlich, billigend zu unterstützen", hieß es in einer Mitteilung der Fan-Organisation. Ein Boykott der Weltmeisterschaft im Wüstenstaat sei "unumgänglich", eine Teilnahme "wäre das Ende von Ethik und Würde".

Zuletzt hatten mehrere norwegische Klubs, unter anderem Rekordmeister Rosenborg Trondheim, eine Boykottbewegung gegründet und den nationalen Verband NFF zu einem Teilnahme-Verzicht gedrängt. Der Verband lehnt einen Boykott bislang ab und möchte Veränderungen über einen fortgesetzten Dialog herbeiführen.

Infantino hätte kein Verständnis für Boykott

Infantino hat derweil kein Verständnis für jegliche Aktionen. Er glaube, dass ein Boykott „definitiv nicht die richtige Maßnahme“ sei, um etwas zu erreichen, sagte der Chef des Fußball-Weltverbandes vergangene Woche. „Es ist immer, war immer und wird immer der einzige Weg sein, in den Dialog zu treten und sich zu engagieren, um Veränderungen herbeizuführen“, sagte Infantino. In Bezug auf die Menschenrechtslage habe Katar in den vergangenen Jahren große Fortschritte gemacht. Er freue sich auf eine „fantastische“ WM, sagte Infantino.

Die Bedingungen auf den WM-Baustellen wurden in den vergangenen Jahren ebenso heftig und wiederholt kritisiert wie die Menschenrechtslage im Land. Immer wieder wies beispielsweise Amnesty International auf Missstände und Verletzungen hin. In den Niederlanden hat die Kritik sogar das Königshaus erreicht. Bereits im Februar hatte das Parlament laut „Deutschlandfunk“ entschieden, dass der König und der Ministerpräsident dem Turnier fernbleiben sollen. Außerdem hatte das niederländische Außenhandelsministerium zuletzt eine geplante Reise großer Unternehmen nach Katar kurzfristig gestrichen.