Für Veränderungen ist es nie zu spät - Wie diese Frau ihr Leben rettete

15. Juni 2015 - 11:49 Uhr

Von Rabea Stückemann

Das Schicksal hat es nicht gerade gut gemeint mit Kathleen Caprario. Sie war gerade mal acht Jahre alt, als sie Zeugin eines tödlichen Schusswechsels wurde. Als Teenager wurde sie dann von ihrem Gynäkologen sexuell missbraucht und gefoltert. Sie schwieg, verlor selbst ihren Eltern gegenüber kein Wort. Nach außen hin führte sie ein normales Leben.

Die Kraft der Psyche
Kathleen Caprario

Den Schmerz versteckt Caprario hinter ihrem beruflichen Erfolg. "Man wird damit fertig, indem man sich betäubt." Voller Ehrgeiz stürzte sie sich in die Karriere, studiert Malerei und Textildesign und verlässt schließlich Ende der 70er Jahre ihre Heimat New York, um sich mit ihrem damaligen Ehemann ein Leben an der amerikanischen Westküste aufzubauen. "Man verschließt all diese Erfahrungen tief in seinem Inneren und denkt nie wieder daran zurück", sagt sie heute.

Doch die Wunden wollen nicht heilen. Caprario erreicht schließlich ihren absoluten Tiefpunkt. Als auch psychologische Betreuung und Medikamente nicht mehr helfen, beginnt sie zu meditieren. Mit 63 Jahren erlebt Caprario nun eine zweite Jugend.

Ihre Geschichte ist charakteristisch für die heilenden Kräfte von Meditation. Zwar gibt es verschiedene Techniken und Formen, doch den Grundgedanken haben alle gemein: Leiden ist zwar unvermeidbar, aber jeder von uns trägt die Fähigkeit glücklich zu sein in sich. Um diesen Bewusstseinszustand zu erreichen, müsse man lediglich dazu bereit sein, der Wahrheit ins Auge zu sehen und die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. "Meine tägliche Meditation hilft mir dabei positiv und zuversichtlich zu bleiben", sagt Caprario. "Ich sehe die Dinge klarer und habe viel mehr Selbstbewusstsein. Ich bin einfach glücklich!"

Das 'Mysterium Psyche'

Die Art und Weise auf die wir unser Denken und unsere Wahrnehmung bestimmen können - fasziniert Forscher verschiedenster Fachbereiche. Zahlreiche Studien belegen, dass Meditation das Gehirn langfristig stärkt. Regelmäßiges Meditieren kann zu langfristig bedeutsamen Veränderungen führen, beispielsweise: physische Entspannung, ein verlangsamter Metabolismus, verbesserte Selbstwahrnehmung und Konzentration, Einschätzungsvermögen, sowie ein Rückgang von Angst- und Stresssymptomen.

Erlebnisse, die darüber hinausgehen und an der Grenze zur Spiritualität liegen, sind für Wissenschaftler häufig nur schwer greifbar. Oftmals müssen sie Meditation erst selbst für sich entdecken und positive Veränderungen spüren, um dem Ganzen eine Chance zu geben. So war es auch bei der Neurologin Marjorie Woollacott. Auch sie hat Meditation lange als Esoterik belächelt, doch dann begann sie selbst damit. Das war vor 30 Jahren. Heute weiß Woollacott, dass es sehr wohl möglich ist, Wissenschaftlerin zu sein und gleichzeitig Dinge zu akzeptieren, die auf Papier und in Zahlen nicht zu erklären sind.

"Es klingt wahrscheinlich komisch, aber seitdem ich meditiere, fühle ich mich wie zu Hause und bin mit mir selbst im Reinen. Ich nehme die Welt um mich herum ganz anders wahr", sagt sie. Ob man gewisse Gefühle nun erklären könne oder nicht, solange sie sich positiv auf den Gesundheits- und Gefühlszustand auswirken, sei es einen Versuch doch allemal wert, findet Woollacott.

Veränderungen sind keine Bedrohung mehr

Caprario bedauert, dass viele Menschen nicht verstehen, dass sich unser Leben genau wie die Natur ständig im Wandel befindet. Deshalb spielt Landschaft in ihrer Kunst eine große Rolle. Für Caprario sind Veränderungen inzwischen keine Bedrohung mehr, sondern vielmehr eine Chance, ihr Leben neu auszurichten. "Es ist so als würdest du deinen Blick über den Grand Canyon schweifen lassen. Du siehst die Unvergänglichkeit, Monumentalität und Flexibilität. Du siehst die ganze Wahrheit."

Flexibel musste sie schon immer sein, aber erst heute handelt sie in ihrem eigenen Interesse. Sie hatte den Punkt erreicht, an dem sie ihr Leben auf den Prüfstand stellen musste. Nach all der Gewalt, die sie als junge Frau durchleben musste, nahm sich auch noch ihr Mann nach drei Jahren schwerer Depression das Leben.

Eine neue Tür öffnete sich, als sie in ihrem Künstler-Umfeld zufällig mehrere Buddhisten kennenlernte. "Die Meditation, die mich diese Menschen lehrten, hat mir dabei geholfen die dunklen Räume in meinem Inneren zu öffnen", sagt Caprario. "Wenn man Verlust als Teil seines Lebens akzeptiert, kann man selbst entscheiden wie man darauf reagiert und die Kontrolle darüber übernehmen wie die Erfahrungen der Vergangenheit das Leben der Gegenwart beeinflussen", sagt sie. "Die Meditation erlaubt mir authentisch zu sein. Inzwischen respektiere und kontrolliere ich jeden Teil von mir. Aber dazu gibt mir weder Gott noch jemand anders die Erlaubnis. Das tue ich ganz allein."

"Mein ganzes Leben lang wollte ich ein ganzer Mensch sein"

Caprario hat einen Weg gefunden, mit ihrer Vergangenheit umzugehen: meditieren und lachen. Sowohl im Privat- als auch im Berufsleben ließ sie sich auf Neues ein. "Die Arbeit, die ich jetzt mache, ist wahrscheinlich die beste und ehrlichste Arbeit, die ich je gemacht habe." Inzwischen produziert sie nicht nur Filme - einer ihrer großen Kindheitsträume - sie tritt auch als Komikerin auf und entwickelt Kampagnen für Frauen- und Menschenrechte. Ihr erster Film 'Mourning After', indem sie sich mit ihrem Leben und ihrer Arbeit auseinandersetzt, wurde 2014 bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes in der Kategorie Kurzfilm gezeigt.

Befreundete Künstler sagen, dass ihre jüngsten Gemälde einen anderen Stil wiederspiegeln, gar eine andere Künstlerin. Für viele Werke erhielt Caprario nationale und internationale Auszeichnungen. 2010 ging sie nach Australien, um dort mit jungen Aborigines zu leben und zu arbeiten. Im Moment arbeitet sie an einer Anti-Rassismus Kampagne, um auf die Gewalt gegen Afroamerikaner in den USA aufmerksam zu machen. Das alles neben ihrer leidenschaftlichen Arbeit als Professorin: "Was gibt es schöneres, als jungen Menschen dabei zu helfen, ihre Wünsche und Träume zu erfüllen?" sagt sie mit Tränen in den Augen. "Es ist so schön zu wissen, dass die Studenten sich nicht nur mit Kunstfragen an mich wenden, sondern bei mir Rat in allen Lebenslagen suchen."

Caprario hat gelernt, die posttraumatische Belastungsstörung, unter der sie seit ihrer Kindheit leidet, ohne Einnahme von Medikamenten in den Griff zu bekommen. "Wenn ich clever genug und richtig brillant wäre, würde ich eine Komödie über Selbstmord, Missbrauch, Folter und Gewalt gegen Frauen schreiben", sagt sie und zwinkert. Sie glaubt, dass die Kombination von Meditation und positiven Gedanken es ihr irgendwann ermöglichen wird, diesen Traum in die Tat umzusetzen.

"Mein ganzes Leben lang wollte ich ein ganzer Mensch sein, vollkommen präsent, mein ganzes Potential ausschöpfen", sagt sie. "Das ist nicht viel, aber das ist alles was ich will."