Genug gemotzt, Deutschland!

Früher war alles besser? Von wegen! Fünf Beispiele, die das Gegenteil beweisen

Absolventen einer Universität werfen ihre "Doktorhüte" in die Luft.
In Deutschland schaffen immer mehr junge Menschen einen Hochschulabschluss. Foto: Julian Stratenschulte/dpa/Archiv
deutsche presse agentur

von Rachel Kapuja

Inflation, politische Skandale, Klimawandel: Veränderung kann Angst machen. So viel, dass uns unser Gehirn austrickst und uns vormacht, dass früher alles viel besser war. Dabei blendet es negative Erinnerungen schlichtweg aus. Tatsächlich ist – nicht immer, aber oft – das Gegenteil der Fall: Insbesondere hier in Deutschland werden viele Dinge immer besser. Hier sind fünf Beispiele!

Deshalb malen wir uns die Vergangenheit schön

Wie fies: Wenn es um Erinnerungen geht, manipulieren wir uns gerne mal selbst. „Je länger eine Erinnerung zurückliegt, desto ungenauer wird sie“, erklärt Kognitionspsychologe Prof. Lars Schwabe im Hamburger Abendblatt. Seiner Meinung nach steckt hinter dem Eindruck, früher sei alles besser gewesen, auch ein banaler Mechanismus: „Der Schmerz von heute tut immer mehr weh als der von gestern“. Sprich: Wir malen uns die Vergangenheit unbewusst schön, um uns eine Art Zuflucht vor der anstrengenden Gegenwart genehmigen zu können – und vor der ungewissen Zukunft, die offenbar nichts Gutes verheißt.

Aber ist sie denn wirklich so schlimm? Sicher, es gibt viele Bereiche im Leben, in denen wir als Gesellschaft noch einen langen Weg vor uns haben. Doch manchmal lohnt es sich, in die Statistik zu schauen, wie weit wir schon gekommen sind – denn insbesondere hier in Deutschland meckern wir oft auf hohem Niveau.

1. Grundrechte und Sicherheit

Für uns Deutsche ist vieles selbstverständlich, was anderswo mit Gefahren für Leib und Seele verbunden ist. Zum Beispiel freie Meinungsäußerung oder Versammlungsfreiheit. Im Index des World Justice Project stehen wir, was Faktoren wie Sicherheit, Zivilgerichtsbarkeit, Freiheits- und Gleichheitsrechte angeht, auf Platz sechs von insgesamt 140 Staaten. Und wir nähern uns in der Skala immer weiter dem Optimalzustand (1,0) an – aktuell hat Deutschland einen Score von 0,86. Davor liegen nur die Niederlande und die skandinavischen Länder.

Lese-Tipp: Wahlrecht schon ab 16 Jahren? Das spricht dafür!

2. Steigende Lebenserwartung bei Geburt

Die Lebenserwartung bei Geburt ist unabhängig von der Altersstruktur und Bevölkerungsgröße, sie fasst die Sterblichkeit über alle Altersjahre hinweg in einem Wert zusammen. Und hier geht es in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt seit 1950 stetig bergauf: Lag die durchschnittlich zu erwartende Lebensdauer eines neugeborenen Kindes 1950 noch bei 64,6 Jahren bei Männern und 68,5 bei Frauen, sind es heutzutage 84,2 Jahre bei Männern und 88,2 bei Frauen – also knapp 20 Jahre mehr.

Einer der wichtigsten Gründe dafür ist der medizinische Fortschritt, insbesondere in Sachen Vorsorge. Nur durch die drei Jahre der Corona-Pandemie ging der Wert um 0,6 Jahre nach unten. In den ostdeutschen Bundesländern ist die Lebenserwartung aber von 2021 auf 2022 bereits wieder angestiegen.

Lese-Tipp: 9 Elternsätze von früher, die heute undenkbar und oft sogar strafbar wären

3. Immer weniger Verkehrstote

Kommt das Tempolimit nun oder nicht? Fest steht: Sei Jahrzehnten geht die Zahl der Verkehrstoten immer weiter zurück. Waren es 1970 noch 20.000, lag die Zahl 2022 nur noch bei 2.790. Dazwischen lag die Einführung von Maßnahmen wie die Geschwindigkeitsbegrenzung auf 100 km/h auf Landstraßen, die Einführung der Helmpflicht und das Alkohol-Limit von 0,5 Promille. Im Zeitraum von 2021 bis 2030 will die Regierung durch ihr Verkehrssicherheitsprogramm die Zahl der Verkehrstoten insgesamt um 40 Prozent reduzieren.

Lese-Tipp: Großes Schilderquiz – kennen Sie all diese Verkehrszeichen?

4. Mehr Bildungsaufstiege

Immer mehr junge Menschen erreichen in Deutschland einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern. War das im Jahr 2000 noch bei 8,9 Prozent der Fall, waren es 2020 bereits 15,5 Prozent, so die Ergebnisse des Sozio-oekonomischen Panels, einer jährlichen Haushaltsbefragung. Besonders bei Personen mit Migrationshintergrund im Alter zwischen 25 und 34 Jahren fällt diese Entwicklung auf: 29,3 Prozent der in Deutschland geborenen Personen der zweiten Generation haben 2020 ein höheres Bildungsniveau als beide Elternteile erreicht.

Darüber hinaus gibt es insgesamt immer mehr Personen mit Hochschulabschluss: Zwischen 2005 und 2022 hat ihr Anteil laut Statistischem Bundesamt von 15,4 auf 24,2 Prozent zugenommen.

Lese-Tipp: So wird Künstliche Intelligenz unsere Schulen verändern

Im Video: Urlaub statt Ferien und keine Noten - die Schule der Zukunft?

Ist das die Schule der Zukunft? Urlaub statt Ferien und keine Noten
01:32 min
Urlaub statt Ferien und keine Noten
Ist das die Schule der Zukunft?

30 weitere Videos

5. Immer weniger Arbeitslose

11,7 Prozent – so hoch war die Arbeitslosenquote gemäß den Daten der Bundesagentur für Arbeit (BA) im Jahr 2005. Seit dieser Rekordzahl ist sie insgesamt rückläufig. Vor allem bis 2019 verringerte sie sich erheblich, danach stoppte die Corona-Pandemie die positive Entwicklung vorübergehend. 2022 lag die Quote bei 5,3 Prozent.

Momentan hat der Arbeitsmarkt zwar mit der schwachen Konjunktur und dem üblichen Knick im Sommer zu kämpfen, was sich in der Quote von 5,8 bemerkbar macht. Die Jobcenter sind allerdings zuversichtlich, dass die Arbeitslosenzahlen bald wieder sinken: Viele Schulabgänger beginnen nach den Sommerferien eine Berufsausbildung, und der Bedarf an Arbeitskräften bei den Unternehmen bleibt hoch. Markus Biercher, Chef der Regionaldirektion Nord der BA, erklärt ntv.de: „Die demografische Entwicklung wirkt sich viel stärker aus als konjunkturelle Dellen bei der Entwicklung des Arbeitsmarktes." Und auch BA-Chefin Andrea Nahles sieht den Arbeitsmarkt nach wie vor in einer „soliden Grundverfassung“.