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Frontbesuch: Rösler in Griechenland

Frontbesuch: Rösler in Griechenland

Stolz der Griechen verletzt

Was erwartet einen direkt an der Front, bei den Menschen, die ums Überleben kämpfen, unter dem Damoklesschwert der drohenden Staatspleite? Und was erwartet speziell denjenigen, der ganz offen darüber spricht, dass dieses Schwert bald fallen und den Schuldenschnitt vollziehen könnte? Mit 'Standing Ovations' wird Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) kaum gerechnet haben, aber wütende, antideutsche Demonstranten in Nazi-Kostümen und der von der griechischen Presse verliehene Spitzname 'Herr Insolvenz' waren dann doch ein wenig heftig.

Frontbesuch: Rösler in Griechenland
Rösler in Griechenland: Gespräche mit seinem Amtskollegen Michalis Chrysochoidis
dpa, Rainer Jensen

Vielleicht hat Rösler nichts gesagt, was sich auch schon der ein oder andere Grieche gedacht hat – laut einer repräsentativen Befragung vom Anfang des Monats erwarten 67,3 Prozent der griechischen Bevölkerung die Zahlungsunfähigkeit – aber mit seiner international beachteten Staatspleiten-Warnung hat der FDP-Mann den Stolz der Griechen verletzt. Dazu kommt die harte wirtschaftliche Demütigung der Situation selbst: Zehntausende Griechen verlieren ihre Jobs, dazu kommen radikale Einschnitte bei Renten und Gehältern. Zuletzt gab es wieder blutige Auseinandersetzungen auf Athens Straßen.

"Für die griechische Bevölkerung ist Rösler wahrlich keine Lichtgestalt, denn Rösler ist der einzige in Deutschland, der offen über eine Insolvenz spekuliert", so die Einschätzung von RTL-Reporterin Cordula Robeck in Athen.

Rösler zollt Griechen Respekt

Bei seinem nicht einfachen Besuch in der 'Höhle des Löwen' gab sich der Vizekanzler dann auch Mühe, den Schmerz des angeschlagenen Europartners zu lindern: "Alle Deutschen sind voller Respekt über die Opfer, die Sie erbracht haben", rief er den 250 Gästen beim griechisch-deutschen Managertreff zu.

Außerdem traf sich Rösler mit seinem griechischen Amtskollegen Michalis Chrysochoidis. Rösler hatte zwar keine Geldsäcke dabei, aber ein paar Investoren im Schlepptau. Man vereinbarte eine engere Kooperation, um die Rückkehr des Mittelmeerstaates zu Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit zu beschleunigen. Rösler und Chrysochoidis unterzeichneten eine Erklärung, in der konkrete Projekte festgelegt sind.

Nach Röslers Angaben bahnen sich in der Energiebranche Investitionen von etwa 1,5 Milliarden Euro unter deutscher Beteiligung an, und zwar im Rahmen von Plänen für eine Gaspipeline zwischen Griechenland und Italien. Das Interesse deutscher Firmen an Investitionen in dem Land sei rege, auch an Gemeinschaftsunternehmen mit griechischen Partnern, hieß es. Die Privatisierung griechischer Staatsbetriebe stoße ebenfalls auf viel Interesse auf deutscher Seite.

Die beiden Wirtschaftsminister vereinbarten regelmäßige Treffen sowie Beratungen auf Arbeitsebene. Beim Abbau von Bürokratie und der Beschleunigung von Verwaltungsentscheidungen will Deutschland konkret mit einem Beamtenaustausch helfen. Das Bundeskartellamt und die Bundesnetzagentur sollen administrative Hilfe leisten.