Friedenspreisträger Sen: Bessere Welt muss die Lösung sein

Der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen. Foto: Anindito Mukherjee/EPA/dpa/Archivbild
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15. Oktober 2020 - 21:30 Uhr

Friedenspreisträger Amartya Sen hat den nationalen Weg vieler Länder kritisiert und zugleich die Politik von Angela Merkel als vorbildlich gelobt. Großbritannien spalte sich mit dem Brexit ab, die USA bauten eine Mauer, um Zuwanderung zu verhindern und auch Länder wie Ungarn und Indien agierten zunehmend nationalistisch, sagte der 86-jährige Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph am Donnerstag bei einer Online-Pressekonferenz. Man sehe immer wieder Trennung und die globale Idee gehe verloren, dabei könnten die Länder voneinander lernen. "Der richtige Rahmen, um über Gerechtigkeit nachzudenken, ist global und nicht national."

Stattdessen werde versucht, Zuwanderer aus dem Land zu halten. "Deutschland hat als sehr gutes Beispiel gezeigt, besonders unter der Führung von Angela Merkel, dass es sich selbst als einen Teil der Welt sieht und die Frage stellt, was kann Deutschland tun, um anderen Ländern zu helfen."

Ob er glaube, dass die Corona-Krise die Schere zwischen Arm und Reich vergrößere? "Teilweise kann das den Effekt haben", sagte der in den USA lebende indische Wirtschaftsnobelpreisträger. Denn oft würden die Armen sehr viel häufiger unter der Pandemie leiden, als die Reichen. Wichtig sei, wie der Staat mit solchen Krisen umgehe; das habe sich auch schon in der Vergangenheit gezeigt. Beispielsweise sei die Unterernährung in Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg fast komplett verschwunden. Denn durch die Rationalisierung der Lebensmittel wurde jedem Essen garantiert.

Mit Blick auf die US-Wahl und die Politik von Präsident Donald Trump ("Make America Great Again"), sagte der in Boston lebende Sen: "Amerika nur groß zu machen, ist nicht die Lösung. Die Welt zu einer besseren zu machen, muss die Lösung sein." Er sei froh über die Kandidatur von Kamala Harris als demokratische Vizepräsidentin. Während seiner Zeit als Professor an der kalifornischen Berkeley-Universität in den 1960er Jahren habe er Harris' Eltern kennengelernt, diese hätten gute Ansichten gehabt.

Sen erinnerte sich auch an eine Reise nach Deutschland in den 50er Jahren, wo er mit ein paar englischen Studenten auf einem Fest in Rüdesheim gelandet sei. Er sei bis um vier Uhr aufgeblieben, habe viel Bier getrunken und schon damals leidenschaftlich über den Zustand der Welt diskutiert.

Sen wird an diesem Sonntag zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse mit dem mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Die Laudatio in der Paulskirche hält Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Wegen der Corona-Pandemie nimmt Sen die Auszeichnung nicht persönlich entgegen, sondern wird am Sonntagvormittag trotz der Zeitverschiebung live aus den USA zugeschaltet.

"Ich arbeite hauptsächlich in der Nacht. Normalerweise gehe ich um vier Uhr morgens ins Bett", sagte Sen. Stattdessen müsse er dann um vier Uhr aufstehen, "das wird eine ziemliche Herausforderung, aber ich freue mich drauf".

Quelle: DPA