Friedensnobelpreis: Ehrenplatz blieb leer

Sein Stuhl blieb leer: Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo saß Preisträger Liu Xiaobo tausende Kilometer entfernt im Gefängnis.
© dpa, HEIKO JUNGE

10. Dezember 2010 - 17:31 Uhr

Freilassung von Liu Xiaobo gefordert

Ein leerer Stuhl und wütende Reaktionen aus Peking: Erstmals seit 1936 konnte der Friedensnobelpreis nicht persönlich übergeben werden. Preisträger Liu Xiaobo saß tausende Kilometer entfernt im Gefängnis, und auch Angehörige und Freunde durften nicht aus China ausreisen.

Bei der feierlichen Zeremonie am Freitag im Rathaus von Norwegens Hauptstadt Oslo nannte Nobelkomitee-Chef Thorbjørn Jagland den 54-jährigen Bürgerrechtler "ein Symbol in China selbst und international für den Kampf um Menschenrechte in seinem Land". Liu sei in seiner Bedeutung für China mit der von Nelson Mandela für Südafrika zu vergleichen.

Unter einem riesigen Foto des eingekerkerten Preisträgers verlangte Jagland dessen sofortige Freilassung: "Liu hat seine Menschenrechte wahrgenommen und nichts Unrechtes getan." Zum zweiten Mal in der 109-jährigen Geschichte des Friedensnobelpreises konnte das norwegische Komitee weder das Diplom noch die Nobelmedaille an den Preisträger oder Angehörige überreichen. Jagland legte sie für den Liu auf dessen leeren Stuhl.

US-Präsident Obama lobte den 54-Jährigen für seinen friedvollen Kampf. "Er erinnert uns daran, dass Menschenwürde auch von einem Voranbringen der Demokratie abhängt, von einer offenen Gesellschaft und von der Macht des Gesetzes", sagte Obama laut einer Mitteilung und ergänzte: "Er verdient die Auszeichnung viel mehr als ich."

Vorher war dies ähnlich nur 1936 nach der Auszeichnung des deutschen Publizisten Carl von Ossietzky (1889-1938) geschehen. Damals hatten die Nationalsozialisten in Berlin sowohl dem lange inhaftierten Preisträger wie auch Vertrauten verboten, den Preis Preis in Oslo entgegenzunehmen.

China stellt dutzende Aktivisten und Kritiker unter Hausarrest

14 Länder, darunter Russland, Ägypten und Afghanistan, folgten einem Aufruf der chinesischen Führung und boykottierten die Verleihungszeremonie in Anwesenheit von Norwegens König Harald V. Im eigenen Land verschärften Chinas Behörden noch einmal den Druck auf Kritiker.

Seit der Verkündung des Namens des Friedensnobelpreisträgers vor zwei Monaten sind Dutzende Aktivisten und Kritiker unter Hausarrest gestellt, in Haft genommen oder eingeschüchtert worden. Prominentes Opfer der Verfolgung wurde am Donnerstag Zhang Zuhua, der neben Liu Xiaobo an der Veröffentlichung der 'Charta 08' vor zwei Jahren beteiligt war.

Der Bürgerrechtler sei am Donnerstag in Peking auf der Straße von Staatssicherheitsbeamten in einen Kleinbus gezerrt und verschleppt worden, berichtete die Menschenrechtsgruppe CHRD. Ähnlich seien in der Hauptstadt der Akademiker Cui Weiping und der Journalist Gao Yu sowie in Xi'an der Aktivist Yang Hai und der Bürgerrechtsanwalt Zhang Jiankang in Gewahrsam der Sicherheitsbehörden genommen worden.

Statt der sonst üblichen Rede des Nobelpreisträgers las die Schauspielerin Liv Ullmann Lius Erklärung "Ich habe keine Feinde" vor, die er vor seiner Verurteilung zu elf Jahren Haft vor knapp einem Jahr verlesen hatte. Darin bezeichnete er die Erfahrung des Massakers auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens als "Wendepunkt" für sein Leben. Über die Chancen für politische Reformen in China meinte er: "Ich glaube fest daran, dass es keinen Stopp für politische Fortschritte in China geben kann. Ich bin angefüllt mit Optimismus und freue mich auf die Ankunft eines freien China in der Zukunft."

Chinas Regierung hat die Auszeichnung für den "Kriminellen" Liu Xiaobo als "Einmischung in innere Angelegenheiten" verurteilt. Wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty berichtete, organisieren chinesische Diplomaten in Oslo Demonstrationen gegen den Nobelpreis. In Norwegen wohnende Chinesen seien unter Androhung von "ernsten Konsequenzen" aufgefordert worden, sich an den Protesten zu beteiligen. "Wir sind geschockt, dass chinesische Behörden diese repressive Atmosphäre von Peking nach Oslo bringen", sagte der norwegische Amnesty-Direktor John Peter Egnaes.

In Berlin forderte der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), Chinas Regierung zur Freilassung von Liu Xiaobo und allen anderen politischen Gefangenen auf. Der Nobelpreis für den Bürgerrechtler sei eine "verdiente Würdigung seines Mutes und seines unablässigen Eintretens für Freiheit und Menschenrechte". Die Teilnahme Deutschlands in Oslo sei ein Zeichen des Respekts.

Das Osloer Nobelkomitee will neben der Nobelmedaille und dem Diplom auch die Dotierung von umgerechnet 1,1 Millionen Euro so lange zurückhalten, bis Liu Xiaobo oder eine Person seines Vertrauens selbst darüber verfügen können.