16. Juni 2015 - 16:12 Uhr

Von Rabea Stückemann

Still sitzen, die komplette Aufmerksamkeit auf den Atem richten, die eigenen Gefühle und Gedanken bewusst spüren. Mit sich selbst im Reinen sein und sich so akzeptieren wie man ist: Achtsamkeitsmeditation mag erstmal einfach klingen, stellt sich in der Praxis aber als große Herausforderung dar.

Medizinprofessor Jon Kabat-Zinn von der University of Massachusetts benutzte die buddhistische Meditationstechnik und machte sie unter dem Namen Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR) in der westlichen Welt bekannt. Hauptsächlich geht es darum, zu lernen, körperliche Empfindungen wahrzunehmen und seine komplette Konzentration auf den eigenen Körper zu legen. Das geschieht, indem die volle Aufmerksamkeit auf den Atem und damit auf den gegenwärtigen Moment gerichtet wird.

Was Mediziner und Psychotherapeuten noch vor wenigen Jahren belächelten, ist so zu einer angesehenen Behandlungsmethode geworden. Der Mensch entwickelt eine andere Haltung zu negativen Emotionen und Gedanken. "Man lässt die Gedanken vorbeiziehen und lernt, zu erkennen, dass Gedanken und Gefühle genau das sind: Gedanken und Gefühle, nicht unbedingt die Wahrheit", sagt Oliver Kreh, leitender Psychologe der AHG Klinik Tönisstein.

Doch Meditation hilft nicht nur bei der Problembewältigung, sondern kann für jeden interessant sein, der sich selbst und seine Umwelt bewusster wahrnehmen möchte. "Meditation ist dafür da, sich selbst kennenzulernen und Freundschaft mit sich zu schließen. Man lässt sich einfach sein wie man ist und manipuliert nicht an seiner Erfahrung herum", sagt Anne von der Eltz, Leiterin des Shambhala Meditationszentrums in Köln.

'Augen zu und durch' ist leichter

Das eigene Leben und Handeln mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten zu betrachten, kann schmerzhaft sein. "Wenn man meditiert nimmt man sein Leben in die Hand. Das trauen sich viele nicht, da muss dann auch bereit sein, das ganze Dilemma anzuschauen. Davor nicht zu kapitulieren erfordert viel Mut. 'Augen zu und durch' ist leichter", sagt von der Eltz.

Und auch der Erfolg stellt sich weder sofort noch automatisch ein. Meditation erfordert Geduld, Disziplin und die richtige Einstellung. Zu hohe Erwartungen an sich selbst sind das größte Risiko.

"Wie wir mit uns selbst umgehen bestimmt den Ausgang der Meditation. Wenn ich sehr streng und leistungsorientiert bin, erwarte ich vielleicht, mich nach zehn Wochen klar und ruhig zu fühlen. Doch dann bin ich nicht offen für das was da wirklich passiert. So funktioniert Meditation nicht", erklärt von der Eltz.

Genau das – funktionieren – sollen wir aber im Alltag. Und zwar unter allen Bedingungen. "Die Komplexität unseres Lebens und der Gesellschaft hat immer mehr zugenommen und ich glaube das überfordert viele Leute. Immer muss man darüber nachdenken was akzeptabel ist und anerkannt wird. Überall muss man aufpassen und es ist schwer, herauszufinden wer man eigentlich ist", weiß von der Eltz durch viele Gespräche mit Besuchern des Meditationszentrums.

„Meditation bedeutet Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen“

Achtsamkeit
Meditation vor dem Brandenburger Tor
© picture alliance / Eventpress Ho, Eventpress Hoensch

Genau an dem Punkt setzt Achtsamkeitsmeditation an. Gedanken sollen weder bewertet noch ausgeschaltet werden. Stattdessen werden sie wahrgenommen und schließlich losgelassen, um der Realität Platz zu machen. Anstatt in der Vergangenheit stecken zu bleiben oder sich in Spekulationen über die Zukunft zu verrennen, ist das Ziel sich voll und ganz auf den Moment zu konzentrieren. Verlangsamung statt Beschleunigung, alles soll auf ein einfaches Niveau reduziert werden.

"Man hat schnell gewisse Erkenntnisse, weiß was man tun sollte oder müsste, aber man kann es im Alltag nicht direkt umsetzen," sagt von der Eltz. Das kann zu Frustration führen. "Meditation ist wie Muskeltraining. Man muss es regelmäßig machen. Es ist nicht auf der Ebene von Wissen, sondern auf der Erfahrungsebene. Man bekommt ein Gefühl stärkerer Zuversicht. Man kann es sich nicht vornehmen, sondern muss es verkörpern und das braucht Übung."

Da die meisten Menschen einen stressigen Alltag haben, sollten sie sich keine langen Sitzungen, sondern lieber kurze und regelmäßige Meditation vornehmen. "Bereits zehn Minuten können genug sein, wenn man in diesem Zeitraum tatsächlich anwesend ist und sich wirklich darauf einlässt", sagt von der Eltz. Sich wieder und wieder über alte Gewohnheiten die sich über Jahre entwickelt haben hinwegzusetzen, ist ein schwieriger Prozess. "Das ist wie bei einer Zwiebel: Man legt immer mehr Schichten frei. Die Gewohnheiten sind tief im Inneren verankert. Sie aufzugeben ist sehr schwer."

Ich interessiere mich für Meditation – und jetzt?

Daher ist besonders für 'Meditations-Neulinge' eine Anleitung oder ein Training mit einem Lehrer zu empfehlen. Bei all dem Hype, der in den letzten Jahren rund um das Thema Meditation entstanden ist, ist es sehr wichtig, sich gut über die jeweiligen Lehrer und Zentren zu informieren. Selbst ernannte Experten findet man an jeder Ecke und im Internet wird man mit Kursangeboten fast überschüttet. Doch guter Rat muss nicht gleich teuer sein.

Das Shambhala Meditationszentrum in Köln beispielsweise bietet jeden Donnerstag offene Abende an, an denen interessierte Menschen eine kostenlose Meditationsanleitung von einem erfahrenen Lehrer bekommen und anschließend an einer Meditationssitzung teilnehmen können. Eine Mitgliedschaft im Verein ist freiwillig. Zusätzlich bietet das Zentrum kostenpflichtige Wochenendkurse und Workshops an, in denen neben dem Meditationstraining auch individuelle Gespräche und Beratung stattfinden.

"Es ist unmöglich alles richtig zu machen", sagt von der Eltz. "Mit dem Anspruch werden wir dem Leben gar nicht gerecht. Aber jeder hat das Recht glücklich zu sein und sich als voller Mensch zu fühlen und zu verwirklichen."