Zahlen-Schock um Kinderehen

Frauen und Mädchen während Corona noch häufiger zwangsverheiratet als sonst

16. April 2021 - 12:13 Uhr

Unterdrückung und sexuelle Gewalt sind für viele Mädchen trauriger Alltag

Können Sie sich vorstellen, dass Sie nicht darüber entscheiden dürfen, was mit Ihrem Körper geschieht? Mit wem Sie Sex haben oder ob dabei verhütet wird? Genau so geht es etwa der Hälfte aller Frauen und Mädchen in ärmeren Gegenden der Welt. Viele werden Opfer von Genitalverstümmlungen oder als Kinder zwangsverheiratet. Sexualisierter Gewalt sind sie ohnehin ausgesetzt – und die Corona-Krise verstärkt die ausweglose Situation zusätzlich.

Problem in armen Ländern besonders groß

Plakat
"Hands off our girls" - "Hände weg von unseren Mädchen" steht auf einem Plakat mit einem Appell der First Lady von Sierre Leone, Fatima Maada Bio

Das geht aus dem jüngsten Weltbevölkerungsbericht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) hervor. Titel: " Mein Körper gehört mir: Das Recht auf Autonomie und Selbstbestimmung einfordern". Nur 55 Prozent der Frauen in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen können demnach selbst entscheiden, ob sie Sex haben, verhüten oder Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen möchten. "Das muss uns alle empören. Hunderte Millionen Frauen und Mädchen besitzen ihre eigenen Körper nicht. Ihr Leben wird von anderen bestimmt", sagt UNFPA-Sprecherin Natalia Kanem.

Weitere Erkenntnis des Berichts: Sexualisierte und geschlechtsbasierte Gewalt nimmt durch die Corona-Krise zu. Zudem zeigen die Daten einen starken Zusammenhang zwischen der Entscheidungsmacht und dem Bildungsniveau einer Frau.

Deutsche Experten warnen: Risiko steigt

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) warnt davor, dass mit geschlossenen Schulen zur Eindämmung der Corona-Pandemie das Risiko für Mädchen steigt, sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu sein.

Auch fallen aufgrund von Lockdown-Bestimmungen viele Dienste der sexuellen und reproduktiven Gesundheit weg, die sonst dafür Sorge tragen, dass junge Menschen und vor allem Mädchen und Frauen über ihr körperliches Selbstbestimmungsrecht aufgeklärt werden.

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"Als er mir sagte, dass er mich will, habe ich Ja gesagt"

Kinderbraut Maria Kamara (16)
Kinderbraut Maria Kamara (16)

Wie schnell Mädchen und Frauen sich in einer nicht selbst gewählten Situation wiederfinden, weiß auch die 16-jährige Maria Kamara aus Sierra Leone. In dem westafrikanischen Land sind die Zahlen der Kinderehen massiv angestiegen, obwohl sie verboten sind. Marias Schicksal entschied sich, als ein fremder Mann sie sah. "Meine Familie hat kein Geld. Als er mir sagte, dass er mich will, habe ich Ja gesagt und ihn gebeten, sich mit meinen Eltern zu treffen."

Was diese Ehe für sie bedeutet, weiß sie nicht, denn sexuelle Aufklärung gibt es in Sierra Leone nicht. Maria Kamara heiratet, weil ihre Familie eine Mitgift für sie bekommt, üblicherweise besteht die aus einem Stück Land, Vieh, oder Bargeld und dem Versprechen, die finanzielle Verantwortung für die Braut zu übernehmen. In Marias Fall ist es Reis für ihre vier jüngeren Schwestern und Zugang zur Wasserstelle ihres Bräutigams.

Marias Wunsch: Ihre Schwestern sollen es anders machen!

Die 16-Jährige hat einen eindringlichen Rat an ihre Geschwister: "Ich sage meinen Schwestern, dass sie mir nicht folgen sollen. Heiratet nicht so jung, geht zur Schule!" Das war auch ihr Wunsch - bevor ihr Zukünftiger sie entdeckte, wollte sie die Schule abschließen und Krankenschwester werden.

"Ein Kind gibt keine Einwilligung für Sex"

Fatima Maada Bio
Fatima Maada Bio
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Immerhin setzt sich die First Lady des kleinen Landes dafür ein, dass jungen Frauen ein Schicksal wie das von Maria erspart bleibt. Fatima Maada Bio, die Frau des Staatspräsidenten Julius Maada Bio, floh als Teenager nach England, als ihr Vater sie zwangsverheiraten wollte. Dort lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen.

Seitdem nutzt sie ihre Popularität. "Ein Kind gibt keine Einwilligung für Sex. Wenn man ein Kind in einem sehr frühen Alter zur Heirat zwingt, legalisiert man damit Vergewaltigung", sagt sie.