Bundesfamilienministerin Giffey besucht Nazi-Kiez in Dortmund

Leben im Nazikiez: „Am besten kein Augenkontakt“

Familienministerin Franziska Giffey in Dortmund-Dorstfeld
© RTL, Nina Lammers

21. August 2020 - 9:45 Uhr

von Nina Lammers

In einem Kiez in Dortmund dominieren Rechte die Stimmung. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey besucht den Kiez während ihrer Sommertour, trifft sich mit Vertretern von Initiativen gegen Rechts, die ihr Ministerium zum Teil mit Bundesgeldern unterstützt. Die Initiativen warnen: Auch wenn die Nazis hier besonders sichtbar sind – Dortmund sei nur die Spitze des gesamtgesellschaftlichen Eisberges. Doch wie fühlt es sich an, in so einem Kiez zu leben? Ein Ortstermin.

Farben der Reichskriegsflagge auf der Fassade. "Volksverräter quälen"

Denkmalschutz, Tradition, Tierschutz
Botschaften am Fenster
© RTL, Nina Lammers

Es sind zwei Häuser, die dem Viertel rund um den Wilhelmplatz in Dortmund-Dorstfeld den unrühmlichen Namen "Nazikiez" geben. Auf ein Haus sind die Farben der Reichskriegsflagge gemalt - schwarz, weiß, rot. "Antifa umboxen" ist darüber geschmiert. Vor dem anderen hängt ein Wahlplakat der Partei Die Rechte. "Volksverräter quälen" steht darauf. Es ist Kommunalwahl in NRW. Mehrere Polizeiautos stehen in der Straße, Sicherheitsleute mit Knopf im Ohr postieren sich um die Häuser.

Sie sollen Franziska Giffey schützen und die, mit denen sich die Familienministerin hier am zweiten Tag Ihrer Sommerreise trifft. Der Bezirksbürgermeister ist dabei, dem schon zweimal die Reifen seines Autos zerstochen wurden und Vertreter von Initiativen, die sich gegen Nazis engagieren.

Alle hier halten es viele für durchaus möglich, dass die Bewohner der Häuser - circa zwei Dutzend Rechte - Gegenstände aus den Fenstern werfen, oder andere Angriffe auf die Ministerin und ihre Begleiter planen. Die Nazis sind bekannt dafür, dass sie die Menschen im Kiez einschüchtern, Demokratiefeste und Gedenkfeiern stören.

„Die sehen, dass ich hier stehe. Da krieg ich die Hucke voll.“

Giffey spricht eine ältere Frau an, die eigentlich an dem Ministerinnentross vorbeihuschen wollte. Ob sie sich im Kiez sicher fühle, will Giffey wissen. "Nee", sagt die Frau. Sie habe den Nazis einmal eine Unterschrift für "eine rechte Scheiße" verweigert. Jetzt seien die nicht mehr gut auf sie zu sprechen. Obwohl sie im Kiez aufgewachsen sei, mache sie seitdem einen großen Bogen um die Nazis und ihre Häuser. Giffey will noch mehr wissen, doch die Frau schielt die Hausfassade hoch, sagt, sie wolle lieber weiter. "Die sehen, dass ich hier stehe. Da krieg ich die Hucke voll." Weg ist die Frau.

Eine Szene, die Giffey sichtlich erschüttert: "Das bedrückt mich sehr, wenn jemand, der dort aufgewachsen ist, sagt, ich fühle mich nicht mehr sicher in meinem Zuhause", sagt sie später dazu. Solche Zustände könnten sich nur ändern, wenn man Initiativen fördert, die sich gegen Extremismus engagieren. Sie arbeitet an einem Demokratieförderungsgesetz. Damit könnte der Bund Aussteiger- und Präventionsprogramme langfristig fördern. Der Gesetzesentwurf sei fast fertig. Jetzt müsse nur noch der Koalitionspartner zustimmen. Bislang gab es Widerstand aus der Union. In einem Koalitionsausschuss werde jetzt darüber beraten.

Respekt zeigen und Augenkontakt vermeiden

Zurück im Nazikiez: Auf dem Wilhelmplatz sitzen vier Jugendliche. Sie sitzen oft hier, erzählen, dass ihre Eltern aus der Türkei kommen. Es könne hier leicht Stress geben zwischen den Rechten und "Südländern", wie sie sich bezeichnen. Aber wenn man Respekt zeige, könne man den Stress vermeiden. "Am Besten kein Augenkontakt", sagt einer der Jungen.

Zum Augenkontakt zwischen Giffey und den Rechten kam es beim Ministerinnenbesuch in Dortmund nicht: In den Häusern blieb es still - auf dem Wilhelmplatz ebenfalls keine Spur von ihnen. Ungewöhnlich sei das, sagen die, die immer hier sind. Normalerweise trügen die Nazis ihre menschenfeindliche Gesinnung Tag für Tag offen durch den Kiez. Selbst wenn man wolle, ignorieren könne man sie hier nicht.

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