Macron oder Le Pen: Was heißt das für Frankreich und Europa?

Für oder gegen Europa? Das müssen die Franzosen nun entscheiden

Zum ersten Mal in der Geschichte der Fünften Republik steht in der Stichwahl um das Präsidentenamt in Frankreich weder ein Kandidat der Konservativen noch der Sozialisten. Die beiden großen Volksparteien haben abgewirtschaftet in der zweitgrößten Ökonomie der EU: Präsident bzw. Präsidentin wird entweder der parteilose Wirtschaftsexperte Emmanuel Macron oder die rechtsradikale Marine Le Pen vom Front National. Die Wahl ist richtungweisend sowohl für Frankreich als auch für Europa.

Dramatische Richtungsentscheidung für Europa

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Emmanuel Macron und Marine Le Pen ziehen in die Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten.
sab, dpa, Kay Nietfeld

Worum geht es, wofür stehen die beiden Kandidaten? Macron hat es geschafft - ohne dass er einer etablierten Partei vorsteht oder vielleicht gerade weil er keiner etablierten Partei vorsteht, Franzosen aus beiden Lagern für sich zu begeistern. Denn die Wähler haben kein Vertrauen mehr in die beiden Volksparteien. Zu viele Enttäuschungen mussten sie mit Nicolas Sarkozy und zuletzt Francois Hollande hinnehmen.

Tendenziell linke Wähler holte Macron auf seine Seite, weil er klar pro-europäisch ist. Konservative Wähler stimmten für ihn, weil der 39-jährige Überflieger ein Mann der Wirtschaft ist und für Kontinuität steht. Eine Kontinuität, die viele Franzosen aber nicht mehr wollen. Denn auch er kommt aus der französischen Elite, die abgehoben vom Volk regiert. Er kündigte Reformen an, die an die Agenda 2010 in Deutschland erinnern. Dass Macron ein Mann des Neoliberalismus und der Wirtschaft ist, belegt das Kursfeuerwerk an den Börsen, das seinen Erfolg bei der Wahl am Sonntag auslöste. Der DAX sprang am Montag sogar auf ein Rekordhoch.

Macron mit klassischem Elite-Werdegang - Le Pen als Anwältin der Armen

Doch dass Macron ein ehemaliger Banker ist, der den klassischen Werdegang französischer Elitepolitiker ging, ist ein gefundenes Fressen für seine Kontrahentin. Denn Le Pen spielt sich auf als Anwältin der Armen und Arbeitslosen, aber natürlich nur der Franzosen, nicht der Zugewanderten. "Im Namen des Volkes" ist eine ihrer Losungen. Und: "Frankreich zuerst" (La France d'abord). Mit einem ganz ähnlichen Motto schaffte es der Populist Donald Trump in den USA an die Hebel der Macht.

Dabei gelang Le Pen das Kunststück, die klassisch links wählende Arbeiterschaft zu einem Großteil auf ihre Seite zu ziehen. Aus Kommunisten wurden Nationalisten. Natürlich auch, weil sie die klassischen Ängste bedient. Sie will wieder ein Frankreich der Franzosen, am liebsten ohne Zuwanderung und mit geschlossenen Grenzen. Dazu - und das ist ein enorm wichtiger Punkt - will sie Frankreich aus der EU führen.

Das aber könnte das Ende der Europäischen Union sein, wie wir sie heute kennen. Eine EU ohne Frankreich ist schwer vorstellbar. Und für die Franzosen wäre es wohl ein Desaster, kehrte Frankreich zum Franc zurück. Es drohen hohe Zölle auf die Exporte, Unternehmer und Anleger würden das Land verlassen - unsere globalisierte Welt ist kein Platz für geschlossenen Grenzen.

Und das ist auch das Pfund, mit dem Macron in die Stichwahl geht. Er will Frankreich als Teil der EU wieder wirtschaftlich flott machen, Arbeitsplätze schaffen und das Land in Europa weiter fest verankern. Auch als Partner der Deutschen. Und deshalb jubeln ihm mehr oder weniger alle deutschen Parteien zu.

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Macrons Bewegung ist erst ein Jahr alt

Erst im April 2016 gründete er seine Bewegung 'En Marche' (Auf dem Weg). EM - wie seine Initialen. Macron weiß sich in Szene zu setzen. Mit seinem pragmatischen Programm, das abgehoben von den konkurrierenden Lagern der Konservativen und der Sozialisten steht, vermochte er es, Stimmen von allen Seiten zu ergattern.

Daher hat Macron große Chancen auf den Einzug in den Präsidentenpalast. Auch weil viele Franzosen am Ende doch nicht für eine Rechtsradikale stimmen werden. So wie 2002. Da schaffte es der Vater von Marine Le Pen, Jean-Marie, überraschend in die Stichwahl, wo ihm die Franzosen dann doch die Gefolgschaft verweigerten. Gegen den Konservativen Jacques Chirac hatte der streng rechtsradikale und antisemitisch auftretende Le Pen keine Chance. Er erhielt nur 17,79 Prozent der Stimmen. Am 7. Mai wissen wir, ob die Franzosen Marine Le Pen mehr Vertrauen schenken als ihrem Vater. Wahrscheinlich ist ein Sieg des jungen Überfliegers Emmanuel Macron.

von Oliver Scheel