Frankreich: Drohnen über AKW gesichtet – droht ein Anschlag?

AKW Fessenheim in Frankreich
© dpa, Christophe Karaba

25. November 2014 - 13:13 Uhr

Greenpeace fordert Abschaltung französischer Kernkraftwerke

Es ist das oft beschworene Horrorszenario: Was passiert, wenn ein Flugzeug auf ein Atomkraftwerk stürzt? Sicher, es müssten mehrere unglückliche Umstände auf einmal zusammentreffen, doch auszuschließen ist so ein Fall nicht. Aus diesem Zufallsszenario leitet sich jedoch eine Bedrohung ab, bei der der Zufall nicht ganz so ausschlaggebend ist.

Was passiert, wenn Terroristen ein Flugzeug zum Absturz auf ein AKW bringen? Der 11. September 2001 hat gezeigt, dass es sich hierbei durchaus um eine konkrete Bedrohung handelt. Und wenn man Jumbojets in ein Hochhaus in Manhattan steuern kann, warum nicht auch in ein Atomkraftwerk in der französischen Provinz? Und muss es unbedingt ein Flugzeug sein? Sind Terroristen – egal ob rechts, links, islamistisch, christlich oder anders fanatisch – möglicherweise nicht auch in der Lage, eine Drohne auf einem AKW zum Absturz zu bringen?

Hintergrund dieser Fragestellung sind 30 ungeklärte Flüge unbemannter Drohnen über französischen Kernkraftanlagen. Schon das Überfliegen solcher Anlagen ist verboten, weswegen Experten alarmiert sind. Nach unbestätigten Informationen französischer Stellen sollen bereits "eine Reihe technischer Geräte" wie Militärradar installiert worden sein.

Aufgrund dieser ungeklärten Situation fordert Greenpeace nun die vorübergehende Abschaltung veralteter französischer AKW wie Cattenom und Fessenheim. "Die überalterten Atomanlagen müssen abgeschaltet werden, bis die Hintergründe der Drohnenüberflüge geklärt sind", heißt es in einer Mitteilung der Umweltorganisation.

"Die Anlagen sind absolut unzureichend gegen Angriffe gesichert", kritisierte Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Eine aktuelle Studie belege die ernsthafte Gefährdung der Sicherheit in Frankreich, Deutschland und anderen europäischen Ländern.

Behörden können Vorfälle weder aufklären noch verhindern

Die Vorfälle seien besorgniserregend. "Es ist offensichtlich, dass die Sicherheitsbehörden diese Flüge weder aufklären noch verhindern können", sagte Smital. Während einer Anhörung der französischen Nationalversammlung wies auch der britische Atomexperte John Large auf die selbst von der Atomaufsicht ASN festgestellten Mängel der Kraftwerke hin. Laut Large, dessen umfassendere Studie für Greenpeace Frankreich aus Sicherheitsgründen nicht veröffentlicht wurde, sind "französische Atomkraftwerke verwundbar durch Angriffe mit Drohnen".

Für die deutsche Greenpeace-Studie hat die Diplom-Physikerin Oda Becker aus Hannover die Anfälligkeit der veralteten grenznahen Mailer Cattenom und Fessenheim sowie des größten Atomkraftwerks des Landes in Gravelines untersucht. Drei Szenarien - ein Angriff von Betriebsangehörigen, per Hubschrauber oder mit Drohnen - wurden dafür durchgespielt.

Im schlimmsten Fall drohe in den angegriffenen Reaktoren "ein nicht mehr beherrschbarer Kühlmittelverlust und damit ein Kernschmelzunfall", heißt es. Bei der "gefährlichsten und folgenschwersten Variante" - einer offenen Schutzhülle nach einem Anschlag - wird nach Berechnungen der Wissenschaftlerin radioaktives Material nicht nur in Frankreich, Deutschland oder Belgien, sondern je nach Wetterlage über Europa bis nach Schweden verteilt