Frankreich: Ärzte dürfen Beatmung von 14-jähriger Inès gegen den Willen der Eltern einstellen

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6. Januar 2018 - 11:43 Uhr

Oberstes Verwaltungsgericht Frankreichs weist Einspruch zurück

Gegen der Willen der Eltern können Ärzte im französischen Nancy die Behandlung eines Mädchens einstellen, das mit schweren Hirnschäden im Universitätsklinikum liegt. Der Staatsrat, das oberste französische Verwaltungsgericht, hat eine Klage der Eltern gegen die Entscheidung zurückgewiesen. Die 14-Jährige leidet an einer Autoimmunerkrankung und war im vergangenen Juni mit Kreislauf- und Atemstillstand ins Krankenhaus gekommen.

Urteil gegen "unvernünftige Sturheit" im Fall Inès

Die Richter des Staatsrats stärkten mit ihrem Urteil die Position der behandelnden Ärzte und erklärten: "Es liegt jetzt im Ermessen des zuständigen Mediziners, ob und wann die Entscheidung zur Einstellung der Behandlung umgesetzt wird." Die 14-jährige Inès war letztes Jahr nach einem Atemstillstand ins Krankenhaus von Nancy gekommen, wo die Ärzte bei ihr schwerste Hirnschäden feststellten.

Einen Monat später entschied der behandelnde Arzt, die künstliche Beatmung einzustellen - seiner Einschätzung nach sind die neurologischen Schäden irreversibel. Im November bestätigte das Verwaltungsgericht von Nancy die Entscheidung des Arztes. Die Eltern zogen daraufhin vor den Staatsrat in Paris. Die dortigen Richter bestätigten jetzt die Einschätzung aus Nancy. Sie begründeten dies mit dem vollständigen Autonomie-Verlust des Kindes. Aus wissenschaftlicher und medizinscher Sicht müsse man die Fortführung der Behandlung als "unvernünftige Sturheit" bezeichnen.

Passive Sterbehilfe gibt es auch in Deutschland

Sterbehilfe ist auch in Deutschland ein umstrittenes Thema
Das Thema Sterbehilfe beschäftigt auch in Deutschland immer wieder die Justiz.
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Erst im letzten Jahr wurde in Frankreich ein Gesetz verabschiedet, das es erlaubt, todkranke Menschen mit starken Beruhingungunsmitteln zu behandeln und so den Sterbeprozess zu begleiten. Bereits seit 2002 dürfen Ärzte die Behandlung einstellen, wenn diese aus medizinischer Sicht sinnlos und keinerlei Besserung zu erwarten ist. Diese Praxis sorgte im vergangenen Jahr auch in Großbritannien für Aufsehen. Die Eltern des elf Monate alten Babys Charlie führten einen wochenlangen Rechtsstreit mit einer Klinik in London, weil die Ärzte den todkranken Jungen sterben lassen wollten. In letzter Instanz scheiterten die Eltern vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, Charlie verstarb im Juli.

Wenn - wie in den Fällen Inès oder Charlie - entschieden wird, lebenserhaltende Maßnahmen einzustellen, spricht man in Deutschland von "passiver Sterbehilfe". Hierfür bedarf es allerdings einer Patientenverfügung oder der Einwilligung eines Vormunds. Jedoch können auch deutsche Ärzte unter bestimmten Bedingungen über einen Behandlungsabbruch entscheiden. Ein entsprechendes Urteil fällte der Bundesgerichtshof im Jahr 2003. Aktive Sterbehilfe - sprich das Verabreichen eines tödlichen Medikaments - ist sowohl in Frankreich als auch in Deutschland verboten.