Ein Jahr nach Drama im Frankfurter Hauptbahnhof

Familie des verunglückten Leo (8) kritisiert Ermittlungsarbeit

22. Juli 2020 - 13:04 Uhr

Junge (8) vor ICE geschubst: Familie kritisiert die Ermittlungsarbeit

Es ist fast ein Jahr her, da ereignete sich am Frankfurter Hauptbahnhof das Unfassbare: Am 29. Juli stieß Habte A. laut Antragsschrift eine 40 Jahre alte Mutter und ihren achtjährigen Sohn am Frankfurter Hauptbahnhof vor einen einfahrenden ICE. Die Frau überlebte, der Junge wurde vom Schnellzug erfasst und starb. Der Angreifer steht ab dem 19. August vor Gericht, die Familie des verunglückten Jungen kritisiert nun die Ermittlungsarbeit.

"Wir wünschen uns für unseren Sohn eine kleine Gedenktafel auf dem Bahnsteig"

Fast ein Jahr nach der tödlichen Attacke auf einen achtjährigen Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof hat die Familie des Kindes ihre Trauer zum Ausdruck gebracht und mehr Sicherheit an Bahnhöfen gefordert. "Seit dem tragischen Verlust unseres kleinen Sohns und Bruders geht es uns nicht gut, in den vergangenen Monaten stand einzig die Erinnerung und Trauer um unseren kleinen Leo im Vordergrund", ließ die Familie am Dienstag (21. Juli) über ihren Anwalt mitteilen. Demnach werden die Eltern und die Schwester weiterhin psychologisch betreut.

Mit dem bisherigen Ermittlungs- und Verfahrensstand zeigt sich die trauernde Familie unzufrieden. "Mit dem bisherigen Ermittlungs- und Verfahrensstand sind wir als Eltern nicht zufrieden, hier unter anderem mit der Vor- und Zusammenarbeit zwischen den deutschen und den schweizerischen Behörden", heißt es in dem Schreiben. Auch die Sicherheitsmaßnahmen an den Bahnsteigen müssten verbessert werden: "Schreckliche Taten wie diese, sowie tragische Unfälle, dürfen in Zukunft nicht mehr geschehen und hingenommen werden."

Weiter heißt es: "Der schlimme, frühe Tod unseres geliebten Sohnes und Bruders, Enkels und Neffen ist für die gesamte Familie der schwerste Schicksalsschlag, dessen Schmerz uns das ganze Leben lang begleiten wird. Wir wünschen uns für unseren Sohn eine kleine Gedenktafel auf dem Bahnsteig und sind hierzu derzeit mit der Deutschen Bahn in Abstimmung."

Psychologen unterscheiden vier Phasen der Trauer: Wie verkraftet man den Tod geliebter Menschen?

ICE-Schubser Habte A. ab August vor Gericht

Der Fall hat bundesweit Aufsehen erregt, am 19. August wird das Verfahren gegen den Mann vor dem Frankfurter Landgericht beginnen. Der Jahrestag und die bevorstehende Hauptverhandlung seien für die Familie besonders schwer zu ertragen, so der Anwalt. Zugleich seien die Angehörigen sehr bewegt gewesen von der Anteilnahme, den Briefen und Spenden zahlreicher fremder Menschen.

Trotzdem wird in dem Schreiben des Anwalts gewarnt, dass Taten wie diese jederzeit wieder geschehen können. Zudem haben die von Bundesinnenminister Seehofer kurz nach der Tat angekündigten Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit im Bahnverkehr bis heute zu keinem sichtbaren Ergebnis geführt, heißt es in dem Schreiben weiter. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass eine bessere Überwachung des Bahnhofes möglichweise den Tod von Leo verhindert hätte. Vielversprechende Ansätze zur Überwachung öffentlicher Orte werden derzeit getestet.

Einen absoluten Schutz vor Gewalttaten psychisch kranker Menschen kann es naturgemäß nicht geben, ist in dem anwaltlichen Schreiben zu lesen. Allerdings würden zu viele psychisch kranke Menschen gegen den Rat der behandelnden Fachärzte aus geschlossenen Kliniken wieder entlassen, weil die von ihnen ausgehende Selbst- oder Fremdgefährdung für die Justiz nicht akut genug ist, heißt es weiter.

Habte A. wird von der Staatsanwaltschaft wegen Totschlag, versuchtem Totschlag und gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen angeklagt. Demnach beantragen die Kläger die Unterbringung in einer Psychiatrie. Der 40-Jährige wird nicht wegen Mordes angeklagt, da er als psychisch krank und schuldunfähig gilt. Zurzeit sitzt A. in Untersuchungshaft.

Im Video: Spendenaktion für die Mutter des verunglückten Jungen