15. Mai 2019 - 14:03 Uhr

Campus statt Schloss

Der Langhans-Saal im Berliner Schloss Bellevue ist knacke-voll. Die  Herren in dunklen Anzügen, die Damen in eleganten Tageskleidern – und überraschend viele junge Leute. Der Bundespräsident hat zum "Forum Bellevue" Studierende der Freien Universität Berlin und der Hertie School of Governance Berlin eingeladen. Kurz bevor es losgeht, machen fast alle Erinnerungsfotos in diesem Saal, in dem im Februar 2012 Christian Wulff seinen Rücktritt erklärt hat und in dem der jeweils amtierende Bundespräsident sonst das Bundesverdienstkreuz verleiht oder der Bundesregierung ihre Ernennungsurkunden überreicht. Die Stimmung ist überraschend wenig staatstragend – eher Campus als Schloss.

Steinmeier moderierte

Es geht an diesem Nachmittag um Europa, genauer um "Die Europäische Union: Was auf dem Spiel steht". Im September 2017, nur ein paar Monate nach seinem Amtsantritt, hat Frank-Walter Steinmeier die Gesprächsreihe "Forum Bellevue zur Zukunft der Demokratie" ins Leben gerufen, von Anfang an unterstützt von der Bertelsmann-Stiftung. Hier werden kontroverse Themen diskutiert, etwa zur Zukunft des Islam in Deutschland oder die wachsende Gefahr durch Fake News. Das Besondere: Frank-Walter Steinmeier begnügt sich nicht mit der Rolle des Gastgebers, der zu Beginn ein paar Worte sagt und dann in der ersten Reihe Platz nimmt. Nein, er moderiert die Diskussion selbst. Das hat es vorher nie gegeben – der Bundespräsident als Moderator auf dem Podium.

Zukunft der EU

An diesem Nachmittag, keine zwei Wochen vor der Europawahl, diskutiert Steinmeier mit seinen Gästen über die Zukunft der Europäischen Union. Neben ihm sitzen der bulgarische Politologe Ivan Krăstev, der niederländische Historiker Luuk van Middelaar, die Berliner Politikwissenschaftlerin Daniela Schwarzer und der britische Historiker Adam Tooze auf dem Podium. Und um es vorweg zu sagen: die fünf schaffen es, das sperrige Thema so zu beleuchten, dass nicht nur erstaunlich oft gelacht wird sondern man am Ende als Zuhörer rausgeht, ohne das Gefühl zu haben, wieder mal nur vorgestanzte Worthülsen gehört zu haben.

Kein einheitliches Wohlstandsniveau

Fazit nach gut zwei Stunden: Europa steckt in einer schweren Krise, ist aber noch lange nicht verloren. Skeptiker haben in allen Ländern der Europäischen Union Hochkonjunktur und der Versuch der Briten, die EU zu verlassen, hat Spuren bei den anderen Mitgliedsländern hinterlassen. Dabei spielt es keine Rolle, dass die Briten den Brexit irgendwie nicht hinkriegen, manche sagen sogar, gar nicht mehr wirklich wollen. Trotzdem ist der Flurschaden gewaltig und Wasser auf die Mühlen der Europagegner, die vermutlich bei der Wahl am 26. Mai beachtliche Erfolge einfahren werden. Trotzdem bietet Europa, die europäische Idee, unterm Strich für alle mehr Chancen als Risiken. Dass wir Europäer im globalen Wettbewerb mit Wirtschaftsriesen wie den USA oder China als Einzelplayer keine Chance haben, hat jeder schon mal gehört. Aber für viele, vor allem in Osteuropa, klingen diese Sätze wie leere Worthülsen. Erstaunlich offen wird an diesem Nachmittag erklärt, dass wir endlich akzeptieren müssen, dass es normal ist, dass nicht alle Mitgliedsländer gleich schnell auf ein einheitliches Wohlstandsniveau kommen werden, es aber auch keine Alternative ist, wenn jeder für sich allein kämpft. Und, man kann sich zu 100 Prozent zu Europa bekennen und trotzdem Kritik üben.

Die fünf auf dem Podium sind sich durchaus nicht in allen Punkten einig – bis auf einen: dem Wahlaufruf des Bundespräsidenten können sich alle anschließen. Weil es sich trotz allem lohnt, die Europäische Union zu erhalten.