12. Juli 2019 - 7:40 Uhr

Der Hamburger Meereskundler Detlef Stammer hat zusammen mit einem internationalen Forschungsteam ein neues Konzept zur Berechnung des möglichen Meeresspiegelanstiegs erarbeitet. Erstmals werden dabei physikalische Prozesse beim Abschmelzen des Landeises in Grönland und der Antarktis berücksichtigt. "Mit dem neuen Konzept können wir viele Missverständnisse zum Thema, auch in der Fachliteratur, auflösen und zu tragfähigen Aussagen kommen", sagte der Direktor des Centrums für Erdsystemwissenschaften und Nachhaltigkeit.

Stammer geht es darum, den maximal möglichen Anstieg des Meeresspiegels zu berechnen. Der Weltklimarat IPCC habe nur einen Mittelwert angenommen. Für die Planung in betroffenen Küstenregionen sei aber der maximal mögliche Wert viel wichtiger.

Eine Zahl kann Stammer noch nicht nennen. Sein Konzept sei nur ein "Framework" (Rahmenwerk) für weitere Berechnungen, sagte er. Der maximal mögliche Wert könne jedoch über der Schätzung des IPCC liegen. Dieser hatte zuletzt einen wahrscheinlichen Anstieg bis zum Ende des Jahrhunderts um 52 bis 98 Zentimeter vorausgesagt.

Der Wert hänge ganz stark von der Zeitskala ab, betonte Stammer. "In den nächsten 50 Jahren kann das Eis der Westantarktis nicht vollständig abschmelzen. Das funktioniert physikalisch in dieser Zeitspanne nicht", sagte der Professor. "Aber in 100 Jahren wäre dies rein theoretisch möglich." Also müsse dieses Risiko in die Berechnung des maximalen Anstiegs einfließen.

Zurzeit lernten die Wissenschaftler sehr viel hinzu. So hätten die US-Klimaforscher Robert DeConto und David Pollard ihren alarmierenden Bericht von 2016 kürzlich widerrufen. Damals hatten sie vor einem Anstieg um 1,50 Meter bis zum Ende des Jahrhunderts gewarnt. Erst seit kurzem könnten Wissenschaftler die Eismasse Grönlands und der Antarktis genauer abschätzen.

Die Wechselwirkungen beim Abschmelzen seien kompliziert, sagte Stammer. Die große Eismasse habe eine Anziehungskraft auf das Wasser wie der Mond. Wenn es komplett abschmelzen würde, könnte der Meeresspiegel rund um Grönland auch um ein bis drei Meter fallen. Der kompensierende Effekt würde sich eher im tropischen Bereich bemerkbar machen.

Auch der Meeresboden und die Küsten würden sich heben und senken. Seit der letzten Eiszeit hebe sich etwa Skandinavien sehr viel schneller, weil der Druck der Masse fehle und der Erdmantel unter der Erdkruste anfange zu fließen. "Das alles sind offene Fragen", sagte Stammer. Ihr neues Konzept haben die Forscher im Fachjournal "Earth's Future" veröffentlicht. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert die Arbeit des Teams in den nächsten drei Jahren mit sechs Millionen Euro.

Quelle: DPA