Forscher: Neue Medien sind Herausforderung für Demokratie

Der Dresdner Brexit-Forscher Thomas Kühn. Foto: ---/Technische Universität Dresden
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25. Februar 2020 - 8:30 Uhr

Der Dresdner Brexit-Forscher Thomas Kühn sieht in neuen Medien eine große Herausforderung für die Demokratie. Angesichts von sozialen Medien und Trollfabriken werde die öffentliche Meinungsbildung zumindest in einer Übergangsphase deutlich schwieriger, sagte der Professor für Großbritannienstudien an der Technischen Universität Dresden im Gespräch mit der Deutschen Presse- Agentur. "Wir befinden uns einmal mehr in einem Zeitalter technologischen Wandels. Wenn neue Medien eingeführt werden, gibt es zunächst keine Handhabe mit deren Umgang. Erst später stellt sich eine Routine und die Frage nach Kontrollmechanismen ein."

Neue Medien würden demokratische Prozesse auch heute schon stark beeinflussen, im positiven wie im negativen Sinne: "Vor 10, 15 Jahren wurde das Internet noch als der große Befreier gefeiert. Damals wurden vor allem die Chancen gesehen, heute sind es die Risiken", so Kühn. Derzeit gebe es zum Beispiel große Probleme mit Falschmeldungen und anderen Manipulationen. Aber auch die Nutzung neuer Medien zur Herausbildung eines Überwachungsstaates sei ein Problem.

Nach den Brexit-Erfahrungen ist Kühn mit Blick auf Volksabstimmungen kritisch. Damit werde man künftig sehr vorsichtig umgehen müssen. "Ich selber bin als repräsentativer Demokrat durchaus skeptisch, weil komplexe Entscheidungen auch auf Basis demagogischer Argumente fallen. Das war beim Brexit so, da wurde viel gelogen - auf beiden Seiten." Diejenigen, die die Brexit-Kampagne betrieben haben, seien als Lügenbolde beschimpft worden. Der anderen Seite habe man vorgehalten, Droh- und Weltuntergangsszenarien heraufzubeschwören.

Kühn sieht die Stimmung in Großbritannien nach dem Brexit "so gespalten wie das Land": "Es hängt ganz davon ab, mit wem man spricht. In meinem Freundeskreis gibt es Brexiteers und Remainers. Letztere sind traurig, dass sie die EU verlassen müssen, andere sehr froh, dass sie ihre Souveränität wiedergewinnen." Ein britischer Freund von ihm habe gesagt: "Ich hasse die EU, aber ich liebe Europa". Ohnehin würden viele Briten deutlich zwischen Europa und der EU trennen.

"Eines ist sehr deutlich geworden: Viele Briten haben das Gefühl, eine Phase der Fremdbestimmung durch Brüssel überwunden und Souveränität zurückgewonnen zu haben. Die Mehrheit der Briten hat Europa nie als politisches Projekt begriffen, sondern hauptsächlich als wirtschaftliches." Nun würden sich Befürworter und Gegner unversöhnlich gegenüberstehen: "Mit dem Thema sind ganz starke Emotionen verbunden. Es wird schwierig werden, die geteilte Gesellschaft wieder zusammenzuführen."

Kühn glaubt, dass auch das Empfinden über den Verlust Großbritanniens als früheres Weltreich eine Rolle bei der Entscheidung für den Brexit spielte. Ein britischer Wissenschaftler habe das als "postkoloniale Melancholie" bezeichnet. Gerade bei älteren Konservativen spiele die Nostalgie nach dem British Empire eine Rolle. Im Zusammenhang mit dem Brexit gehe es um die Idee, die englischsprachige Welt wieder stärker ins eigene Boot zu holen.

Bei seiner Forschung beschäftigt sich Kühn weniger mit dem Brexit an sich. "Es geht um Fragen nationaler Identität. Wie schlägt sich das in populärkulturellen Dingen wie Blockbuster-Filmen oder im Blick auf historische Figuren nieder? Ich untersuche Winston Churchill als Projektionsfläche für Vorstellungen und Fantasien der Briten." Es gehe um die Darstellung von Geschichte zur Definition der eigenen Position heute. Dafür biete der Brexit einen hervorragenden Anlass.

Quelle: DPA