Ohne drastische Kontaktreduktion und mehr Maske droht ein Fiasko

Im schlimmsten Fall 290.000 Tote bis April 2021 - Forscher berechnen Covid-Horror-Szenario für Deutschland

Bestattungshelfer bringen einen Sarg in ein Zelt, das als provisorische Grabkammer dienen soll. Das Zelt wird in einem Lagerhaus installiert, damit sich Angehörige sicher zu einer Abschiedsfeier versammeln können.
Bestattungshelfer bringen einen Sarg in ein Zelt, das als provisorische Grabkammer dienen soll. Das Zelt wird in einem Lagerhaus installiert, damit sich Angehörige sicher zu einer Abschiedsfeier versammeln können.
© dpa, Martial Trezzini, mt hen fgj

11. Dezember 2020 - 15:39 Uhr

Prognosen stützen Forderung nach hartem Lockdown

Wie geht es mit der Corona-Pandemie und der Entwicklung der Fallzahlen weiter? Politik und Robert-Koch-Institut sind sich einig, dass dringend mehr passieren muss, wenn verhindert werden soll, dass nicht nur die Infiziertenzahlen, sondern auch die Covid-19-Sterbefälle rapide in die Höhe gehen. Befürchtungen in diese Richtung stützen auch Prognosen des Institute for Health Metrics and Evaluation, einem Gesundheitsforschungszentrum der University of Washington. In deren Berechnungen ist im allerschlimmsten Szenario in Deutschland mit insgesamt 290.000 Toten bis April 2021 zu rechnen.

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Neuinfektionen auf hohem Niveau, Todeszahlen steigen - wie geht es weiter?

Trotz Teil-Lockdown verharren die Coronavirus-Neuinfektionen in Deutschland konstant auf einem hohen Niveau - und auch die Zahl der Todesfälle nimmt stetig zu. Gleichzeitig steigen die Belegungen der Intensivbetten, da es zudem saisonale Effekte gibt. Am heutigen 10.12. meldet das Robert-Koch-Institut 20.372 an Covid-19 Verstorbene. Weihnachten steht vor der Tür - und die Politik erlaubt einen Spielraum für die Feiertage, an denen sich traditionell die Familien treffen. Wie geht es danach weiter mit der Entwicklung der Corona-Fallzahlen, der Bettenbelegung und den Todesfällen?

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Das worst case Szenario ist eine Horrorvorstellung

Das Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) der University of Washington hat für die USA, aber auch für alle anderen in der Covid-19-Statistik der Johns Hopkins University in Baltimore erfassten Länder verschiedene Szenarien entwickelt, um einen weiteren Verlauf der Zahlen zu projizieren. Und der Blick auf die Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland macht schnell klar, warum Kanzlerin Angela Merkel die Bevölkerung schon fast anfleht und RKI-Chef Lothar Wieler keine Alternative zu einem harten Lockdown mehr sieht. Denn nach Berechnungen des Forscherteams muss im allerschlimmsten Fall mit insgesamt 290.000 Toten bis April 2021 gerechnet werden.

Die Forscher berechneten anhand der vorhanden Zahlen und Werte den weiteren Verlauf der Todeszahlen - auch für Deutschland
Die Forscher berechneten anhand der vorhanden Zahlen und Werte den weiteren Verlauf der Todeszahlen - auch für Deutschland. (Screenshot: The Institute for Health Metrics at the University of Washington)
© The Institute for Health Metrics at the University of Washington

Lockerungsszenario mit Unsicherheitsfaktor

Allerdings bezieht diese hohe Zahl auch einen Unsicherheitsfaktor mit ein. Lässt man diesen aus der Rechnung, dann projiziert sie immer noch 184.000 Tote für das "Easing" (Lockerung) genannte Szenario. In diesem worst case scenario werden die Maßnahmen gelockert, die Maskennutzung bleibt auf dem gleichen Level, in 90 Tagen ist die volle Produktionskapazität bei der Impfstoffherstellung erreicht, geimpft werden zuerst die systemrelevanten Berufe und die Risikogruppen, ab 66 Jahren aufwärts. Für die Verteilungsgeschwindigkeit des Impfstoffs zogen die Forscher den sogenannten Health Care Access und Quality Index (HAQ Index) heran - ebenfalls von der University of Washington entwickelt. Dort steht Deutschland auf Rang 20 im globalen Ranking.

Masken-Szenario erfordert auch harten Lockdown

Wie aber sieht die Rechnung im günstigsten Fall, "Universal mask" (massiver Einsatz der Masken) genannten Szenario aus? Hier rechnen die Wissenschaftler mit einer Todesfallzahl von 63.000 Menschen bis zum 21. April. Dieses Szenario geht davon aus, dass scharfe Social-Distancing-Maßnahmen bei 8 Toten am Tag pro Million Einwohner gesetzt werden, die tägliche Maskenbenutzung bei 95 % der Einwohner stattfindet - alle anderen Faktoren sind die gleichen wie im Lockerungsszenario. Aber sind die aktuellen Werte für ein solches "mildes" Szenario nicht schon gegeben? Nach den aktuellen, den Forschern vorliegenden Zahlen wurde für Deutschland zuletzt eine Maskennutzung von nur 57 % berechnet. Aber auch die Mobilität und die Anzahl Kontakte läge demnach derzeit viel zu hoch, müsste weiter drastisch auf minus 47 % reduziert werden.

Derzeit liegt die Maskennutzung laut vorliegender Zahlen bei 57 %  und müsste dringend steigen.
Derzeit liegt die Maskennutzung laut vorliegender Zahlen bei 57 % und müsste dringend steigen. (Screenshot: The Institute for Health Metrics at the University of Washington)
© The Institute for Health Metrics at the University of Washington

Berechnung für den aktuellen Verlauf: 108.000 Covid-19-Tote bis 21. April

Ein weiteres Szenario der Forscher nennt sich "current projection" - also die aktuelle Berechnung. Darin gehen die Forscher auch von einer Verschärfung der Maßnahmen aus, bei gleicher Benutzungsintensität der Masken wie zur Zeit, volle Impfstoffkapazität nach 90 Tagen, HAQ-Index für die Verteilung, geimpft werden zuerst die systemrelevanten Berufe und die Risikogruppen, ab 66 Jahren aufwärts. Und diesem Fall prognostizieren die Wissenschaftler für Deutschland 108.000 Covid-19-Tote. Wir haben also die Wahl - und wir sollten die richtige treffen.