Vettel-Fehlstart und mögliche Götterdämmerung

Sieben Lehren aus den F1-Testfahrten in Bahrain

Von Emmanuel Schneider

Bei den Formel-1-Testfahrten in Bahrain haben die Teams drei Tage lang ihre Programme abgespult - manche mit mehr, manche mit weniger Erfolg. Wer ist auf einem guten Weg? Wer muss noch seine Hausaufgaben machen? Und wer muss sich sogar Sorgen machen? Unsere Lehren aus den Wüsten-Tests. Die Einschätzung von RTL-Reporter Felix Görner sehen Sie oben im Video.

1. Vettel-Fehlstart droht

Formula 1 2021: Bahrain March testing BAHRAIN INTERNATIONAL CIRCUIT, BAHRAIN - MARCH 14: Sebastian Vettel, Aston Martin AMR21 pit stop sequence during the Bahrain March testing at Bahrain International Circuit on Sunday March 14, 2021 in Sakhir, Bahr
Aston Martin hat noch viel Arbeit vor sich
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Für Sebastian Vettel und Aston Martin waren die dreitätigen Testfahrten alles andere als ein Auftakt nach Maß. Immer wieder machten Technik-Probleme dem britischen Team und dem viermaligen Weltmeister einen Strich durch die Rechnung. Man könnte sagen, Piloten und Auto sind sich noch nicht ganz grün. Software, Getriebe, Ladedruck – es war der Wurm drin. So fuhr Vettel auch am Sonntag mit einigen Sekunden hinterher, allerdings kam er wegen der begrenzten Zeit nur zu Longruns und ging erst gar nicht auf Zeitenjagd.

"Wir wissen nicht ganz genau, wo das Problem herrührt. Trotzdem bitter. Uns geht natürlich ein bisschen Zeit verloren, vor allem mir. Es ist, wie es ist. Ich glaube, die ersten paar Rennmeter werden für uns entscheidend sein“, sagte Vettel nach den erneuten Problemen am dritten Testtag.

Die Folgen: Vettel drehte insgesamt nur 117 Runden, so wenig wie kein anderer Stammfahrer. Das ist 2021 besonders schmerzhaft, denn jeder Fahrer darf nur anderthalb Tage testen. Als Team kam Aston Martin nur auf 1699 Kilometer, lediglich Mercedes hatte weniger auf dem Buckel. Und genau das könnte zum Problem werden: Beide Piloten verbrachten so nur wenig Zeit im Auto. Dabei ist bei den wenigen Stunden in diesem Jahr jede Minute Gold wert. Bis Vettel so richtig warm wird mit seinem neuen AMR21, dürften wohl ein paar Rennen vergehen. Es droht ein Stotter-Start.

2. Sorgenfalten: Mercedes Götterdämmerung in Sicht?

 Formel 1 Testfahrten in Bahrain 2021 / 13.03.2021, Bahrain International Circuit, Sakhir, Formel 1 Testfahrten in Bahrain 2021 , im Bild Dreher von Lewis Hamilton GBR 44, Mercedes-AMG Petronas Formula One Team ins Kiessbett, Hamilton steigt aus dem
Ausritt ins Kies: Lewis Hamiltons Dreher führte zu Roten Flaggen.
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Apropos Stotter-Start. Das Weltmeisterteam kam wie Aston Martin kaum ins Rollen, war Letzter im Kilometer-Fresser-Ranking. Auch bei den Schwarzpfeilen funkten Probleme dazwischen - zum Beispiel am Getriebe. Problematisch scheint aber derzeit das unruhige Heck zu sein, ausgelöst durch die regelbedingten Änderungen am Unterboden. Mercedes schwächelt in dieser Hinsicht deutlich, das zeigten auch Ausritte und Dreher von Lewis Hamilton.

Droht nach Jahren der Dominanz also die Götterdämmerung? Zumindest wirkt es so, als sei Red Bull näher an die F1-Dauerbrenner herangerückt. Mercedes hingegen hat die wohl schlechtesten Tests seit der Hybrid-Ära hinter sich. Noch bleiben dem Rennstall aber zwei Wochen, seine Hausaufgaben zu machen. Wenn man in den vergangenen Jahren eines gelernt hat, dann dass Mercedes in perfektionistischer Arbeit Probleme löst und beim 1. Rennen der Favorit ist. Auch 2019 ging Mercedes nicht als Test-Champion nach Hause – um dann später allen um die Ohren zu fahren.

„Wir haben uns verbessert, aber wir sind noch nicht da, wo wir sein wollen“, bilanzierte Hamilton am dritten Tag. „Wir sind noch nicht schnell genug.“ Chefingenieur Andrew Shovlin ergänzte: „Wir können an den Daten erkennen, die wir über die letzten Tage gesammelt haben, dass wir bei der Rennpace noch nicht so schnell sind wie Red Bull.“

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3. Red Bull ist näher dran und der erste Mercedes-Jäger

 Formula 1 2021: Bahrain March testing BAHRAIN INTERNATIONAL CIRCUIT, BAHRAIN - MARCH 14: Max Verstappen, Red Bull Racing RB16B during the Bahrain March testing at Bahrain International Circuit on Sunday March 14, 2021 in Sakhir, Bahrain. Photo by Ma
Max Verstappen raste am Sonntag zur Bestzeit
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Wenn es einen klaren Sieger bei den Testfahrten gibt, dann Red Bull. Beim Team von Max Verstappen lief es wie geschmiert. Am dritten Tag untermauerte der Niederländer die Topform mit einer 1:28,960. Als einziger Pilot durchbrach er die 1:29-Marke. Schon am Morgen hatte sein neuer Teamkollege Sergio Perez die Zeitentabelle angeführt.

Bis auf einen Max-Dreher und die zerfledderte Motorabdeckung bei Perez verlief beim Team alles nach Plan. Der Honda-Motor schnurrt, der RB16B hat offenbar weniger Aeroprobleme wie der Mercedes. „Ja, es waren definitiv die besten Tests bisher“, freute sich Verstappen und betonte, wie stabil der neue Red-Bull-Renner sei. Doch der 23-Jährige bleibt Realist: „Ich glaube nicht, dass wir die Favoriten sind.“ Was dem Team Mut machen wird: Mit einem Perez in dieser Form kann Red Bull im Rennen deutlich mehr Druck auf Mercedes ausüben.

4. Mick grundsolide und topmotiviert Richtung Auftakt

 Formula 1 2021: Bahrain March testing BAHRAIN INTERNATIONAL CIRCUIT, BAHRAIN - MARCH 12: Mick Schumacher, Haas VF-21 during the Bahrain March testing at Bahrain International Circuit on Friday March 12, 2021 in Sakhir, Bahrain. Photo by Sam Bloxham
Mick Schumacher ist heiß auf das F1-Debüt
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Der Test-Auftakt begann mit einem Technik-Streik: Schon nach sieben Runden war Schumi jr. zum Zuschauen verdammt und musste am Mittag an Stallgefährte Nikita Mazepin übergeben. Doch am zweiten und dritten Bahrain-Tag spulte der F1-Rookie sein Programm souverän ab. 77 Runden drehte Schumacher am letzten Tag und konnte sich endlich an seinen Haas-Wagen gewöhnen. „Es hat einfach Spaß gemacht. Ich fühle mich gut, ich fühle mich bereit“, erklärte der 21-Jährige und versprach: „Ich kann nicht sagen, was diese Saison passieren wird, aber ich weiß, dass ich alles tun werde, was ich kann, dass es gut wird und ich hoffentlich ein paar Punkte holen kann.“

Sonderlob gab es von Haas-Teamchef Günther Steiner. „Ich habe nicht erwartet, dass sie so gut vorbereitet sind auf dem Niveau und Rückmeldungen geben zum Auto. Es war eine gute Atmosphäre, eine gute Stimmung. Ich bin positiv überrascht“, sagte er bei Sky. Steiner gab aber zu, dass auch der Haas VF-21 in diesem Jahr mit „stumpfen Waffen“ kämpfen werde. Umso klarer wird: Entscheidend ist vor allem das Teamduell gegen Mazepin.

5. Tsunoda und AlphaTauri überraschen

BAHRAIN, BAHRAIN - MARCH 14: Yuki Tsunoda of Scuderia AlphaTauri and Japan  during Day Three of F1 Testing at Bahrain International Circuit on March 14, 2021 in Bahrain, Bahrain. (Photo by Peter Fox/Getty Images)
Für viele eine der größten Überraschungen in Bahrain: Yuki Tsunoda
XX2 / XX2, Getty Images, Bongarts

Nicht nur Red Bull startete fulminant, auch das Schwesterteam AlphaTauri bewies eine starke Frühform. Pierre Gasly wurde zum Marathon-Mann und fuhr eine Runde nach der anderen. Wie bei Red Bull gilt: Starke Power Unit, stabiles Auto trotz der Änderungen am Unterboden. Und dann gibt es ja noch einen Rookie namens Yuki Tsunoda. Der erste F1-Fahrer, der in den 2000ern geboren wurde, zeigte am Sonntag, wo der Alpha-Hammer hängt und knatterte in 1:29,053 mal eben auf Rang zwei. Klar, die Zeiten sind ohnehin mit Vorsicht zu genießen, aber so einen starken Auftritt des jungen Japaners hatten wohl die wenigsten auf dem Zettel. Der 20-Jährige dürfte sich problemlos die Krone als bester Rookie des Jahres 2021 aufsetzen.

6. Ferrari verbessert, aber weiter im Mittelfeld

March 14, 2021, Sakhir, Bahrain: CHARLES LECLERC of Monaco and Scuderia Ferrari and CARLOS SAINZ Jr of Spain and Scuderia Ferrari arrive at the track ahead of day three of the 2021 FIA Formula 1 Pre-Season tests at Bahrain International Circuit in Sa
Ferrari greift 2021 mit dem Duo Charles Leclerc (l.) und Carlos Sainz an
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Eine der großen Fragen vor dem Saisonstart ist: Wird aus dem Ferrari SF21 endlich wieder eine rote Göttin? Oder eine Nummer kleiner: Hat der Ferrari-Motor wieder mehr Power? Zumindest Teamchef Mattia Binotto ist hoffnungsfroh: Mit Blick auf die Daten sagte der Ferrari-Capo: „Ich denke, auf den Geraden passt der Speed. Es sieht so aus, als hätten wir nicht mehr solche Nachteile wie im vergangenen Jahr.“

Ähnliches hört man auch bei den Ferrari-Kundenteams: Kimi Räikkönen berichtete, dass er in seinem Alfa C41 das Gefühl habe, dass der Motor Fortschritte gemacht hat.

Klar ist aber auch: Nach der Performance von McLaren, AlphaTauri oder Alpine dürfen wir uns wohl auf eine Mittelfeld-Gerangel mit viel Spannung freuen. Und auch Ferrari sollte zur Freude der Tifosi wieder eine größeres Wörtchen mitreden. Über den schwachen Rang 6 im vergangenen Jahr hüllt die Scuderia lieber den Mantel des Schweigens.

7. Alonso, Perez und Ricciardo kannst du in jedes Auto setzen

 Formula 1 2021: Bahrain March testing BAHRAIN INTERNATIONAL CIRCUIT, BAHRAIN - MARCH 13: Fernando Alonso, Alpine A521 during the Bahrain March testing at Bahrain International Circuit on Saturday March 13, 2021 in Sakhir, Bahrain. Photo by Charles C
Da is' er wieder: Ex-Weltmeister Fernando Alonso feiert sein Comeback im blauen Alpine-Renner
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War was? Das Trio um Fernando Alonso, Sergio Perez und Daniel Ricciardo lieferte in den jeweils anderthalb Wüsten-Tagen ab. Und das, obwohl alle drei in einem neuen Auto Platz nahmen. Alonso war sogar zwei Jahre raus, hatte vor vier Wochen einen Oberkieferbruch zu verkraften – dann setzte sich der 39-jährige F1-Oldie in den neuen blauen Alpine-Wagen mit der auffälligen Airbox und raste um den Kurs, als sei nichts gewesen. Ein überzeugendes Comeback.

Auch Daniel Ricciardo brauchte extrem wenig Eingewöhnungszeit für den MCL35M. Gleich in der allerersten Session setzte er die Bestzeit – am Tag darauf erneut. McLaren hat den Wechsel auf die Mercedes-Power-Unit problemfrei umgesetzt und ist weiter ein heißer Kandidat auf den dritten Platz in der Konstrukteurswertung.

Ähnliches positiv war der Neuanfang für Sergio Perez, der seinen Roten Bullen schnell zähmte und in die vorderen Plätze fuhr. Bis auf den Zwischenfall mit der Motorabdeckung, der aber keine gravierenden Folgen hatte, gab es für Perez nichts zu meckern. Trotzdem stapelte der Mexikaner direkt mal tief: Er gibt sich selbst fünf Rennen Zeit, um sich im neuen Red Bull einzugrooven.

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