Pro und Contra

Mercedes braucht Lewis Hamilton nicht

Lewis Hamiltons Cockpit sollte 2021 an Russell gehen - 2022 kann er dann wieder einsteigen.
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19. Januar 2021 - 10:47 Uhr

Von Martin Armbruster

Elf Siege, zehn Pole Positions, der rekordträchtige siebte WM-Titel – Lewis Hamilton erklomm 2020 den Formel-1-Olymp. Im Lichte dieser Leistung mag es paradox klingen, aber die vergangene Saison offenbarte auch: Mercedes braucht Hamilton nicht, um seine unglaubliche Erfolgs-Saga fortzusetzen. Die Verantwortlichen um Motorsport-Chef Toto Wolff sollten im zähen Vertragspoker mit dem Briten ihre Asse auf den Tisch knallen – und mal was Neues wagen.

Mercedes wolkenkratzerhoch überlegen

Hamilton, keine Frage, ist ein Phänomen. Das noch größere Phänomen aber ist das Mercedes-TEAM. Jahr für Jahr schafft es die hungrige, nimmermüde, perfektionistische Truppe aus Brackley, ein noch besseres Formel-1-Auto zusammenzuschrauben.

Mit dem W11 kratzte Mercedes 2020 an der Rennsport-Perfektion. Der schwarze Pfeil lag praktisch überall wie auf Schienen. Sowohl aerodynamisch als auch in Sachen Motorpower war das Team der Konkurrenz (mal wieder) wolkenkratzerhoch überlegen.

Gewiss: Der erleuchtete F1-Buddah Hamilton holt aus diesem Traum-Paket stets das Maximum heraus, die Statistik lügt nicht. Dennoch ist in der modernen Formel 1 das Material, nicht der Mensch am Steuer, die conditio sine qua non – die Voraussetzung jeden Erfolgs.

Das beste Auto der Geschichte

Und das ist der entscheidende Punkt: Mercedes hat das beste Auto der Formel-1-Geschichte hingestellt. Noch überlegener als McLaren-Honda Ende der 1980er, noch dominanter als Ferrari in der Ära Michael Schumacher. Da die derzeitigen F1-Regeln bis Ende des Jahres gelten, wird sich an der Mercedes-Herrschaft vorerst auch nichts ändern. Die WM-Titel 2021 sind garantiert, sofern kein Wunder geschieht.

Wer den einzigartigen Mercedes-Boliden pilotiert, ist daher zweitrangig. Beispiel George Russell: Der Engländer stieg beim Sakhir-GP "spontan" für den corona-kranken Hamilton in das Wunder-Auto. Dass der 1,86-Meter-Schlacks kaum ins Cockpit passte und wegen seiner langen Beine nicht einmal richtig bremsen konnte – geschenkt. Russell fuhr der Konkurrenz genauso um die Ohren wie sein Landsmann.

Und auch Valtteri Bottas, der 2020 wesentlich häufiger von technischen Problemen betroffen war als sein Garagen-Nachbar und speziell in der zweiten Saisonhälfte selten Bestform erreichte, wäre ohne Hamilton Weltmeister geworden.

 2020 Eifel GP NüRBURGRING, GERMANY - OCTOBER 10: Cars of Pole Sitter Valtteri Bottas, Mercedes F1 W11 EQ Performance and Lewis Hamilton, Mercedes F1 W11 EQ Performance in Parc Ferme during the Eifel GP at Nürburgring on Saturday October 10, 2020, Ge
P1, P2 - Mercedes fährt der F1-Konkurrenz seit Jahren erbarmungslos um die Ohren.
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Ein Alternativ-Vorschlag

Warum Toto Wolff befürchtet, Hamilton habe in den Vertragsgesprächen sicher ein paar "Überraschungen" im Ärmel, leuchtet nicht so recht ein. Ein Ablenkungs-Manöver? Mercedes hat doch selbst das Blatt mit den meisten Assen. Ohne Mercedes wird Hamilton nicht alleiniger Rekord-Weltmeister. Ohne Mercedes hat der Brite noch nicht einmal einen Rennstall.

Warum also sollte das Unternehmen dem 36-Jährigen weiterhin ein Jahres-Salär von 40 Millionen Euro bezahlen (zumal in Corona-Zeiten)? Warum sollte Mercedes Hamilton erneut einen Drei-Jahresvertrag geben? Die Antworten sind ganz einfach: Sie sollten gar nicht.

Stattdessen ein Vorschlag zur Güte: Der seit 2007 ununterbrochen in der Formel 1 fahrende Hamilton bekommt ein Jahr "frei", wird 2021 globaler Markenbotschafter von Daimler/Mercedes-Benz. Keine Terminhatz, keine 23 GP-Wochenenden. Zeit für Hamilton, um sich – gemeinsam mit dem Big-Player-Konzern – noch stärker für den Kampf gegen Rassismus zu engagieren.

Ein Deal allerdings mit Klausel: 2022, wenn Bottas' Arbeitspapier ausgelaufen ist und die neuen F1-Regeln gelten, darf Hamilton in den Silberpfeil zurückkehren und den amtierenden Weltmeister George Russell herausfordern. Wäre das nicht eine Comeback-Story? Wäre das nicht eine Herausforderung?

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