Falsches Zitat löst viel Wirbel aus

Helmut Marko, RTL und ein "abgelenkter" Lewis Hamilton - Geschichte einer Fake-News

ARCHIV - Der britische Formel-1-Rennfahrer Lewis Hamilton von Mercedes AMG spricht am 23.02.2017 in Towcester (Großbritannien) auf einer Pressekonferenz. Der dreimalige Weltmeister Hamilton erhofft sich von den neuen Formel-1-Besitzern einen Schub fü
Formel-1-Rennfahrer Lewis Hamilton
FA fgj, dpa, Frank Augstein

Angebliches Marko-Zitat lässt RTL-Telefone klingeln

„Distracted – Marko takes a dig at Lewis Hamilton for voicing out against racism” – Marko stichelt gegen Hamilton, weil dieser seine Stimme gegen Rassismus erhebt. Mit dieser Schlagzeile hat das Online-Portal “Essentially Sports” in England viel Wirbel ausgelöst und den Formel-1-Weltmeister sogar zu einer Social-Media-Spitze gegen den Red-Bull-Berater animiert. Das Problem: Marko hat das, was man ihm in den Mund legt, gar nicht gesagt. Ein Lehrstück über Fake-News – mittendrin: RTL.

Hamilton wegen #blacklivesmatter angeblich "abgelenkt"

Bei RTL und seinem Formel-1-Team – Redaktion wie Produktion – klingelt am Mittwoch beständig das Telefon. Aus England rufen Kollegen an, aus Italien, auch Red Bull meldet sich. Was sei denn nun mit diesem Marko-Interview und dieser brisanten Aussage, wollen sie alle wissen.

„Manche Fahrer sind abgelenkt, reden über Leben, die zählen. Das einzige, das für Max zählt, ist die Weltmeisterschaft.“

Das habe Helmut Marko in einem Interview gesagt, berichtet das britische Portal „essentiallysports.com“ am Mittwoch. Als Quelle nennt die Seite RTL. Hamiltons Engagement für die #blacklivesmatter-Bewegung ein Nachteil im Formel-1-Titelkampf gegen den voll fokussierten Red-Bull-Mann Verstappen – so die Quintessenz. Eine mindestens unsensible Aussage, bedenkt man, wie wichtig das Thema Hamilton und vielen anderen Menschen ist.

Hamilton antwortet und löscht Eintrag wieder

Hamilton reagiert via Social Media: "Helmut, es stimmt mich zutiefst traurig, dass du meinen Kampf für Gleichbehandlung von schwarzen Menschen und Menschen anderer Hautfarbe als Ablenkung bezeichnest. Für mich war es eine Ablenkung, wenn Leute mit schwarz bemalten Gesichtern gekommen sind, um meine Familie an Rennwochenenden zu verspotten", schreibt der 35-Jährige auf Instagram.

Später – als der Post allerdings schon Wellen geschlagen hat – löscht Hamilton den Eintrag wieder. Auch „Essentially Sports“, ein Fan-Blog mit vielen Autoren, nimmt seinen Artikel offline.

Denn: Das angebliche Marko-Zitat aus dem RTL-Interview existiert gar nicht. Es handelt sich um Fake-News. Und was hat es mit Fake-News so auf sich? Sind sie erst mal in der Welt, bleiben sie in der Welt. Motto: „Irgendwas wird schon dran sein.“ In Foren britischer Racing-Websites etwa spekulieren Leser, ob RTL die Aussage wegen ihrer Sprengkraft bewusst zurückhalte respektive nicht veröffentlicht habe.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Hamilton der "Favorit", aber nicht "abgelenkt"

Die Fakten: Ein RTL-Interview mit Helmut Marko hat tatsächlich stattgefunden. Unser Reporter Felix Görner hat es geführt – am 4. Juni am Red Bull Ring in Spielberg. Drei Teile davon veröffentlichten RTL.de, ntv.de und sport.de danach auf ihren Seiten. Es geht um Sebastian Vettels Zukunft, das Prozedere beim Formel-1-Start Anfang Juli in Markos Heimat Österreich und Red Bulls Chancen gegen Mercedes. Das Gespräch dauert etwas mehr als 20 Minuten.

Hamilton und Mercedes seien die Favoriten, sagt Marko. Auch, dass ein Mercedes-Fahrerduo Hamilton/Vettel etwas Wunderbares wäre. Dass Hamilton wegen seines Engagements gegen Rassismus abgelenkt sei, sagt Marko an keiner Stelle.

Marko spricht zu Vettels F1-Zukunft

"Sebastian wird sich nichts sagen lassen" Helmut Marko über Sebastian Vettel
01:41 min
Helmut Marko über Sebastian Vettel
"Sebastian wird sich nichts sagen lassen"

12 weitere Videos

Marko: Spielberg gewappnet für F1-Start

Marko sieht Red Bull als "ersten und ernsten Herausforderer"

"Sebastian wird sich nichts sagen lassen" Helmut Marko über Sebastian Vettel
01:41 min
Helmut Marko über Sebastian Vettel
"Sebastian wird sich nichts sagen lassen"

12 weitere Videos

Portal entschuldigt sich für Nutzung von Sekundär-Quellen

Die ganze Geschichte sei „völlig absurd“, teilt Marko Felix Görner am Telefon mit. Red Bull und er würden rechtliche Schritte gegen das Portal und den Autor einleiten.

Bleibt die Frage, wie das Fake-Zitat zustande kam. Ein Übersetzungs- und Interpretationsfehler ist auszuschließen, weil Marko am RTL-Mikro zu keinem Zeitpunkt etwas sagt, was dem veröffentlichten Falsch-Zitat irgendwie ähnelt. Ist das Zitat also einfach frei erfunden? In einem Forum, einem Chat verbreitet und so vielleicht aufgegriffen worden? Wollte jemand Helmut Marko schaden?

„Da wir ein Fan-Blog sind, wurden in dem Artikel Tweets als Sekundär-Quellen genutzt“, teilt das Portal auf Anfrage von RTL.de mit. Man habe den Artikel von der Seite genommen, nachdem die entsprechenden Tweets sowie der zugehörige Twitter-Account gelöscht worden seien. „Wir entschuldigen uns vielmals für die entstandenen Unannehmlichkeiten.“

Geschichte einer Fake-News, die Kreise zog – bis zu Lewis Hamilton.